Türkischer Fußball nach dem Putschversuch

»Spieler sollen zu heiklen Themen schweigen«

Die »Säuberungen« von Präsident Erdogan machen auch vor dem türkischen Fußball nicht Halt. Journalist Alper Kaya über ein krankes System und gefallene Helden.

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Das Interview wurde im August 2016 kurz nach dem Putschversuch gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. E erschien in der September-Ausgabe von 11FREUNDE.

Alper Kaya, Sie schreiben für die linke Tageszeitung »Evrensel« über die Verbindungen der Mächtigen zum Fußball. Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen nach dem Putschversuch für den türkischen Fußball?

Ich glaube nicht an große Veränderungen. Dafür ist es der Regierung zu wichtig, dass der Fußballbetrieb reibungslos läuft – ganz nach dem Motto Brot und Spiele. Zudem ist die Atmosphäre in den Fußballstadien schon lange vergiftet. Bei einem EM-Qualifikationsspiel vor einem Jahr im zentralanatolischen Konya wurde eine Gedenkminute für die Opfer eines Terroranschlags auf eine Friedenskundgebung von Linken und Kurden in Ankara von den Zuschauern ausgebuht.

Wie beurteilen Sie die Verhaftungswellen gegen Anhänger der Gülen-Bewegung in Bezug auf den Fußball?
Schon seit einigen Jahren gibt es keinen Klub mehr in den oberen Ligen, der direkt von der Bewegung gelenkt wird. Allerdings sind hinter vorgehaltener Hand Namen von einigen Akteuren bekannt, denen eine Verbindung zu Gülen nachgesagt wird. Für sie sind es sehr unruhige Tage.

Wie unruhig ist es aktuell für einen regimekritischen Journalisten wie Sie?
Ich persönlich habe noch keine Einschränkungen gespürt. Aber erst neulich wurde eine unserer Sekretärinnen auf offener Straße tätlich angegriffen und als »Putschistin« beschimpft. Wenn ich im Internet User erreiche, die sonst eher auf andere Medien zurückgreifen, reagieren diese meist mit Unverständnis. Für sie ist der Machtmissbrauch kein Grund zur Empörung, sondern eben das System in der Türkei, wie es schon immer war.

Auch der türkische Fußballverband TFF wurde vergangene Woche Ziel der Ermittlungen: Über 105 Mitglieder, darunter sogar Schiedsrichter, wurden suspendiert. Wie bewerten Sie das?
Der TFF ist kein transparent arbeitender Fußballverband. Er ist wie eine geschlossene Gesellschaft mit eigenen Regeln und Gesetzen. Selbst wenn es Funktionäre mit Verbindungen zur Gülen-Bewegung gäbe, würde die Aufklärung viel Zeit in Anspruch nehmen. Längst geht es dem TFF vornehmlich um finanzielle, nicht um sportliche Fragen.

Welche Verbindung besteht zwischen Politik und Fußball in der Türkei?
Für die Mächtigen ist der Weg über den Fußball eine bequeme Methode, wenn es darum geht, Geld zu waschen, Finanzmittel zu beschaffen und natürlich an Prestige zu gewinnen. Ein einfaches Beispiel: In den unteren Ligen gibt es einige Mannschaften, die den Stadtverwaltungen gehören. Ihre Finanzierung läuft oft über die Einnahmen von öffentlichen Parkplätzen. Was aber genau mit dem Geld passiert, wird nicht hinterfragt.