Tomislav Piplica über Patzer, den Krieg und Cottbus

»Suker hat zu viele Süßigkeiten gegessen«

In Jugoslawien entstand in den achtziger Jahren eine Goldene Fußballgeneration, die zu einer verlorenen Generation wurde. Macht Sie die Erinnerung wehmütig?
Ich denke gerne an 1987 zurück, als wir die U20-WM in Chile gewannen. Damals war ich als zweiter Torhüter dabei. Im Viertelfinale schalteten wir Brasilien aus, im Halbfinale die DDR mit Matthias Sammer und Dariusz Wosz. Im Endspiel besiegten wir vor 65 000 Zuschauer die DFB-Mannschaft, in der unter anderem Andreas Möller und Marcel Witeczek spielten. Trainer war Berti Vogts. Aber unser Kader war so unglaublich gut: Robert Prosinecki, Davor Suker, Zvonimir Boban, Predrag Mijatovic oder Robert Jarni.

Mit einer vereinigten jugoslawischen Nationalelf wäre viel möglich gewesen.
Wir hätten nur die Ernährung umstellen müssen. Davor Suker zum Beispiel, mein Zimmernachbar und natürlich ein großartiger Spieler, hat viel zu viele Süßigkeiten gegessen. Aber bald hatten wir eh andere Sorge.

Der Krieg brach aus.
Eine schlimme Zeit. Sie machte mich auch ratlos, denn ich habe nie verstanden, wieso man Menschen nach ihrer Nationalität oder ihrer Religion bewertet. Für mich war immer wichtig, wie der Charakter eines Menschen ist.

Mussten Sie an die Front?
Nein. Ich hätte eh nicht gewusst, auf welcher Seite ich hätte kämpfen sollen. Geboren und aufgewachsen bin ich in Bugojno in Bosnien. Meine Familie stammt aber aus Kroatien.

Wie nah kam Ihnen der Krieg?
Ich habe 1991/92 für NK Istra Pula gespielt, später wurde in dem Stadion gefoltert und getötet. Meine Familie und ich hatten aber Glück, niemand ist im Krieg gestorben. Wir haben nur Geld verloren, unser Haus wurde komplett zerbombt. Mein Vater hatte es in Bugojno gebaut, meine Eltern und wir vier Kinder wohnten darin. Wir sind danach nach Sisak gezogen, aber es gab kaum noch etwas, keine Banken mehr, keine Jobs, nichts. Nur der Fußball lief weiter. Als Spieler von HNK Segesta Sisak war ich plötzlich der Hauptverdiener in der Familie.

Warum sind Sie nicht ins Ausland gegangen?
Der Verband verbot Fußballern einen Wechsel vor dem 28. Lebensjahr. Aber mir ging es bei Sisak nicht schlecht. Wir wohnten in Zagreb, ich bekam gutes Geld. Einmal fragte River Plate an, nicht schlecht, oder? Aber wir spielten gegen den Abstieg. Mein Präsident sagte: »Du bleibst hier!« Also blieb ich.

Dabei haben Sie sich sonst selten Befehle erteilen lassen. 1998 sind Sie deswegen nicht zur WM geflogen.
Stimmt. Ich war ein Kandidat, aber unser Nationaltrainer (Miroslav Blazevic, d. Red.) wollte, dass ich mir die Haare schneide. Ich sagte nur: »Nimm mich mit, wie ich bin. Oder eben nicht.« Also ließ er mich zu Hause.

Mit 28 haben Sie erstmals im Ausland vorgespielt. Warum hat es nicht geklappt?
Ich war damals in Antwerpen, 15 Tage habe ich mittrainieren dürfen, und eigentlich wollte mich der Klub auch haben. Aber es scheiterte an der Ablöse. Ein Jahr später, ich war nun 29, kam dann das Angebot von Energie Cottbus.

Was wussten Sie über Deutschland?
Wenig. Ich wunderte mich anfangs, dass so wenig beim Fußball geflucht wird. »Arschloch« war das härteste Schimpfwort. Na gut, dachte ich, das sagt man bei uns liebevoll zur Begrüßung. (Lacht.)

In Cottbus spielten damals einige Ausländer aus dem ehemaligen Jugoslawien. Hat Sie Antun Labak empfohlen?
Der Kontakt kam über einen Berater zustande, der mich eines Tages abfing und sagte, er habe mich spielen sehen. Ich so: »Okay.« Er dann: »Ich bringe dich nach Deutschland.« Ich dachte, er ruft nie an, aber zwei Tage später klingelte das Telefon: »Bist du bereit? Wir fliegen jetzt nach Wien, da ist das Trainingslager von Energie Cottbus.« Und weil er merkte, dass ich noch nie von diesem Klub gehört hatte, erzählte er vom Pokalfinale 1997, das Cottbus erreicht hatte. »Also gut«, sagte ich da, »ich habe Zeit, ich komme mit.«