Tomislav Maric über Trainer, Tore und Tony Yeboah

»Du musst Ergebnisse liefern«

Wann verloren Sie die Angst vor dem Profifußball?
Bei Wattenscheid wurde es besser. Sehr wichtig war für mich Paul Linz, der 1995 als Trainer die Kickers übernahm. Ich war damals Mitte 20 und ein solider Zweitligastürmer, der mal acht, mal neun Tore pro Saison schoss. Linz hatte früher ebenfalls als Stürmer gespielt (u.a. bei Werder Bremen, VfL Osnabrück und Waldhof Mannheim, d. Red.). Er riet mir, mein Spiel vor dem Tor zu vereinfachen. Keine Dribblings, nicht groß nachdenken, sondern der direkte Abschluss. In der kommenden Saison schoss ich 21 Tore und wurde Torschützenkönig.


Tomislav Maric, Jahrgang 1973, machte 313 Profispiele und schoss 107 Tore. In der Saison 1999/2000 wurde er Torschützenkönig der Zweiten Liga.
 
Linz hielt sich an die alte Gerd-Müller-Losung »Wenn’s denkst, ist eh zu spät«.
Klar, Fußball ist auch Kopfsache, vor allem im Stürmerbereich. Wenn es schlecht läuft und du keine Tore schießt, verzweifelst du zusehends und baust mental ab. Wenn du triffst, bekommst du bestenfalls einen Lauf.
 
So wie Sie in der Saison 2001/02, als Sie für den VfL Wolfsburg vier Doppelpacks in Folge schossen und einen Rekord von Lothar Emmerich aus der Saison 1966/67 einstellten.
Ich hatte die Worte von Paul Linz verinnerlicht. Ich war an einem Punkt angelangt, wo ich mir keine Gedanken mehr machte, sondern einfach nur drauflos spielte. Es war eine gute Zeit für mich. Sogar Rudi Völler, damals DFB-Teamchef, fragte, ob ich für die deutsche Nationalmannschaft spielen könnte. Weil ich aber schon Spiele für die kroatische U21 gemacht hatte, ging das nicht mehr.
 
Sollte demnach jeder Verein auch einen Stürmer-Trainer anstellen?
Es kann hilfreich sein, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der deine Position sehr gut kennt. Der weiß, dass manchmal nur ein paar Schräubchen gedreht werden müssen, um aus einem Acht-Tore-Stürmer einen Zwanzig-Tore-Stürmer zu machen.
 
Welche Schräubchen mussten Sie bei Vedad Ibisevic drehen?
Als ich ihn 2007 bei der TSG Hoffenheim kennenlernte, war er ein guter Stürmer. Aber er war auch einer, der gerne mal einen Schnörkel zu viel gemacht hat und vor dem Tor manchmal zu überhastet war. Irgendwann wurde sein Spiel geradliniger.
 
Sie sollen vor der ersten Bundesligasaison der TSG zu ihm gesagt haben: »Dribbeln ist nicht dein Job. Lass den Ball klatschen, geh in den Strafraum und mach die Tore!« Er sagte später, diese einfache Erklärung habe ihm geholfen. In der Hinrunde schoss er 18 Tore.
Es war eine tolle Zeit für uns alle. Für Vedad lief es natürlich großartig. Ich sehe ihm bis heute gerne beim Spielen zu. Unsere Verbindung war immer gut. Auch nach der Hoffenheimer Zeit.

Erinnern Sie sich noch an Ihren Einstand als Co-Trainer beim VfB Stuttgart?
Wir gewannen damals 6:2. Der Gegner war: Hoffenheim. Dreifacher Torschütze: Vedad. Das war wirklich kurios.
 
Wieso hat es für Sie in Stuttgart nicht länger als ein halbes Jahr geklappt?
Anfangs lief es gut. Thomas Schneider und ich übernahmen die Mannschaft am 4. Spieltag der Saison 2013/14. Danach blieben wir sieben Spiele in Folge ungeschlagen.
 
Im achten Spiel lag der VfB in Dortmund sogar 1:0 in Führung, verlor dann aber 1:6. War das die Kehrtwende?
Ich denke eher, dass das erste Rückrundenspiel gegen München ausschlaggebend war. Wir führten bis zur 76. Minute mit 1:0 – und verloren am Ende 1:2. Thiago machte in der 91. Minute das Siegtor für die Bayern. In den folgenden Spielen bekamen wir etliche Gegentore in den Schlussviertelstunde. Es war zum Verrücktwerden. Aber ich hege keinen Groll. Im Profifußball musst du Ergebnisse liefern, sonst wirst du entlassen. Das Geschäft ist hart und manchmal auch absurd. Bestes Beispiel: Leicester City gewinnt im Sommer 2016 sensationell die englische Meisterschaft, wenige Monate später wird Claudio Ranieri entlassen.