Tomasz Waldoch über Fußball in Polen

»Wir müssen noch lernen«

Die EM 2012 soll dem Fußball in Polen auf die Beine helfen. Ehemalige Spitzenteams und die Nationalmannschaft trauern früheren Erfolgen hinterher. Schalkes Ehrenspielführer Tomasz Waldoch erklärt, wo die Probleme liegen. Tomasz Waldoch über Fußball in Polen

Tomasz Waldoch, ihre Familie lebt in der Nähe von Bochum. Sie arbeiten seit diesem Sommer als Sportdirektor für Gornik Zabrze. Wie oft sind Sie in letzter über die polnisch-deutsche Grenze gefahren?

Oh Gott, da habe ich mit dem Zählen aufgehört. Das letzte Mal war an diesem Wochenende, als ich nach unserem Auswärtsspiel in Danzig nach Hause gefahren bin.

Sie haben vorher lange als Trainer in Deutschland gearbeitet, ganz in der Nähe Ihrer Familie. War es Ihre bewusste Entscheidung, nach Polen zurückzukehren?

Ich hatte vor gut einem Jahr das Angebot, polnischer Nationaltrainer zu werden. Das wäre für mich ein großer Schritt gewesen in meiner Trainerlaufbahn. Vom Co-Trainer auf Schalke zum Assistenztrainer des Nationalteams. Nach ersten Gesprächen mit dem Polnischen Verband PZPN konnten wir uns allerdings nicht einigen. Danach konnte ich nicht einfach zurück nach Schalke. Ich hatte mich schon auf eine Arbeit in Polen eingerichtet.

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Wie ist der Kontakt zu Gornik Zabrze zustande gekommen?

Ich habe Anfang des Jahres einen Anruf unseres Hauptsponsors bekommen, ob ich Interesse an einer Mitarbeit bei Zabrze hätte. Nach einem ersten Treffen in Warschau haben sich anschließend der Verein und ich getroffen, um über eine mögliche Funktion zu sprechen. Da ich selber zu Beginn meiner Karriere fünf Jahre lang in Zabrze gespielt habe, kenne ich den Verein gut. Für mich war klar: Wenn Polen, dann nur Gornik Zabrze. Die Aufgabe als Sportdirektor war mit alten Erinnerungen verbunden und sehr reizvoll für mich.

Was hat Sie an der Tätigkeit gereizt?

Bisher hatte ich im Fußball immer nur als Spieler und Trainer zu tun. Für mich ist es spannend, eine neue Seite des Sports kennenzulernen.  Diese Möglichkeit hätte ich in Deutschland derzeit nicht gehabt. Ich wollte mehr erfahren über die Funktionsweise eines Vereins.

Haben sich ihre Erwartungen nach den ersten Monaten Arbeit erfüllt?

Mir war am Anfang gar nicht so bewusst, was auf mich als Sportdirektor alles zukommt. Jeden Tag entdecke ich neue Baustellen, wo ich aushelfen muss. Aber das macht mir Spaß. Ich möchte mithelfen, den Verein, der in Polen eine große Tradition hat, wieder aufzubauen und erfolgreicher zu machen. Gornik Zabrze hat als 14-maliger Meister Fans in ganz Polen und ist selbst im Ausland bekannt. Die letzten Erfolge liegen jedoch lange zurück, in den erfolgreichen siebziger und achtziger Jahren.

Nach dem Aufstieg in die Ekstraklasa spielen Sie momentan um die Tabellenspitze mit.

Trotzdem können wir momentan mit den großen Vereinen in Polen wie Legia Warschau, Lech Posen oder Wislaw Krakau noch nicht mithalten. Für uns ist wichtig, für Sponsoren noch attraktiver zu werden, damit wir auch finanziell größere Möglichkeiten haben.

Sie sprechen ein Problem an, dass viele polnische Vereine betrifft. Nach der Wende mussten viele Klubs bei Null anfangen, um sich eine wirtschaftliche Grundlage zu verschaffen.

Zu Beginn hatten fast alle polnischen Vereine große finanzielle Probleme. Die Klubs konnten ihre Kosten fast nur aus Zuschauereinnahmen decken. Transfers wie die von Polonia Warschau, die kürzlich zwei Spieler für jeweils eine Millionen Euro verpflichtet haben, waren zu der Zeit noch undenkbar. Für polnische Verhältnisse ist das unglaublich viel Geld. Mittlerweile investieren immer mehr Sponsoren in den polnischen Fußball. Ich hoffe, dass wir diese Entwicklung durch mehr Qualität in der Ekstraklasa noch verstärken können. Bis wir auf internationaler Ebene mit den großen Mannschaften mithalten können, wird es noch eine Zeit lang dauern.

Die Europameisterschaft 2012 soll helfen, dem Fußball in Polen einen Schub zu geben. Dagegen stehen Berichte über Korruption in Polen und Spieler, die nach Trinkgelagen aus der Mannschaft geworfen wurden.

Es ist normal, dass Polen und der polnische Fußball vor der Europameisterschaft mehr unter Beobachtung stehen. Berichte über Stadien, die Infrastruktur und den Bau von Autobahnen sind im Ausland häufiger vertreten als Berichte über den polnischen Fußball. Wenn es um korrupte Spiele in Polen geht, werden alle aufmerksam. Den Ligaalltag interessiert kaum jemand. Einiges wird dabei übertrieben. Natürlich hat der polnische Fußball noch große Probleme, wie in anderen Ländern auch. Aber häufig tritt der Sport selbst zu stark in den Hintergrund.



Berichten die polnischen Medien ähnlich kritisch?

Hier beziehen sich die Medien natürlich mehr auf die Spiele der Nationalmannschaft. Wenn man 6:0 gegen Spanien und 3:0 gegen Kamerun verliert, dann ist man auch hierzulande schnell frustriert. Besäufnisse nach dem Spiel gab es früher auch. Nur, wenn die Mannschaft dazu auch noch schlecht spielt, sind solche Ereignisse natürlich ein gefundenes Fressen für die Medien.

Wie optimistisch sind Sie, dass sich die polnische Mannschaft zur Europameisterschaft besser präsentieren wird?

Wir haben noch fast zwei Jahre Zeit. Es gibt in Polen viele gute junge Spieler, die noch ins Team nachrücken können. Der polnische Nationaltrainer Franciszek Smuda testet ständig neue Spieler. Bis 2012 kann sich noch viel ändern und die Mannschaft wird sich finden. Wir wissen, dass wir uns gut präsentieren müssen. Dafür wird der polnische Fußballverband alles tun.

Auch, um eine größere Begeisterung für die EM im eigenen Land auszulösen?

Noch ist hier Ligaalltag. Natürlich spricht man immer wieder von der Europameisterschaft. Aber eine richtige Euphorie ist noch nicht zu spüren. Alles ist sehr ruhig. Auch hier dreht sich vieles um Infrastruktur, Organisation, Stadionbau und ähnliches. Dabei bedienen wir uns auch der Erfahrungen von anderen Ländern wie zum Beispiel Deutschland. Bisher haben wir noch kein großes Fußballturnier ausgerichtet. Daher lernen wir auch noch in der Vorbereitung auf die EM und können uns nicht nur voller Vorfreude in die Arbeit stürzen.

Miroslav Klose und Lukas Podolski spielen für Deutschland, Sebastian Boenisch für Polen. Nationalmannschaften setzen sich inzwischen aus Spielern unterschiedlicher Herkunft zusammen.  Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Es wäre für Polen natürlich schön, wenn so gute Spieler wie Klose oder Podolski für Polen spielen würden. Die Familien dieser Spieler sind irgendwann ausgewandert. Da ist es normal und legitim, wenn sich die Kinder dazu entscheiden, für das Land zu spielen, in dem sie leben. Auch in unserer Mannschaft hat ein Emmanuel Olisadebe, der nicht aus Polen stammt, gespielt. Ich kann das nur gutheißen. Das fördert auch das Interesse von anderen Nationen an den Spielen der eigenen Nationalmannschaft. Für mich ist das eine logische Entwicklung des internationalen Fußballs. Auf Vereinsebene ist es ja längst normal, dass alle möglichen Nationalitäten zusammen spielen.

Sie selbst waren als Spieler davon betroffen, als sie aus Polen nach Bochum gewechselt sind.

Als 23-Jähriger war das für mich natürlich eine große Umstellung. Ich sprach so gut wie kein Deutsch und musste mich erst einmal zurechtfinden. Die ersten zwei Jahre habe ich nur Polnisch gesprochen. Dariusz Wosz hat mich damals fast überall hin begleitet, um mir zu helfen. Im Nachhinein betrachtet habe von meinem Wechsel nach Deutschland nur profitiert.

Trotzdem müssen Sie weiterhin Beruf und Familie in zwei Ländern unter einen Hut bringen.

In Bezug auf die Familie ist die momentane Situation nach wie vor schwierig. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich nach Hause komme. Aber momentan bin ich gleich nach dem Ankommen eigentlich schon wieder auf dem Sprung. Zur Zeit sehe ich keine andere Möglichkeit. Erstmal werde ich wohl weiter zwischen Deutschland und Polen hin- und herpendeln.

Soll ihre Familie irgendwann nachkommen?

Mein Sohn steht kurz vor dem Abitur. Er spielt bei U19 von Schalke Fußball. Genau wie meine ältere Tochter hat er den Großteil seiner Freunde in Deutschland. Unsere Kinder wachsen zweisprachig auf, fühlen sich aber in Deutschland zu Hause. Für sie wäre ein Umzug nach Polen eine große Umstellung. Es reicht, wenn ihre Eltern diesen Schritt gemacht haben.