Thomas Hitzlsperger über das deutsche WM-Scheitern und den Fall Özil

»Niemand ist uns enteilt«

Thomas Hitzlsperger hat 52 Länderspiele für Deutschland gemacht und kennt Joachim Löw so gut wie kaum einer sonst. Um so überraschter war er vom Chaos in der deutschen Mannschaft. Jetzt fordert er einen Verhaltenskodex für die Spieler. 

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Thomas Hitzlsperger, Sie haben als Experte der ARD die Weltmeisterschaft verfolgt. War es für Sie eine gute WM, oder waren Sie insgesamt eher enttäuscht?
Es kommt darauf an, was man von einer WM erwartet. Was ich sehr erfreulich fand, war die Spannung. Man konnte – an­ders als im Vereinsfußball – vor den Spielen oft überhaupt nicht absehen, wie es ausgeht. Schon bei den meisten Achtelfinalspielen gab es nur wenige klare Favoriten und in den Runden da­nach erst recht keine mehr. Aber fuß­ballerisch war das Turnier trotzdem eher eine Enttäuschung. Es gab viele zähe Spiele, die man nicht an der Champions League messen kann. Des­ halb ist diese WM auch kein Gradmes­ser für die Entwicklung des Fußballs.

War Deutschland die größte Enttäuschung der WM?
Ja, sogar wenn man die deutsche Brille abnimmt.

Welchen Eindruck hat die Mannschaft auf Sie als ehemaligen Nationalspieler gemacht?
Ich habe bis zum Turnier­beginn geglaubt: Wenn es losgeht, sind wir da. Löw hatte mir vor dem letzten Test in Leverkusen noch gesagt, dass die Mannschaft topfit sei. Für mich war das die entscheidende Information, weil ich davon ausgegangen war, dass sie schon wissen, wie sie spielen müs­sen. Dann wurden sie gegen Mexiko in einem Maße überrascht, wie ich das nicht kannte. Gegen Schweden gab es ein kurzes Aufflackern, wo sie teilweise wie in den besten Zeiten gespielt haben. Die Laufwege waren gut, das Passspiel prima, wie man das in der Qualifikation oft gesehen hatte.

Bis zur 13. Minute, als Antonio Rüdiger einen Fehlpass spielte und sie in einen Konter liefen, an dessen Ende es auch einen Elfmeter hätte geben können.
Dieser Fehlpass hat ihnen sofort den Stecker gezogen. Niemand hat sich danach mehr ge­traut, einen Risikopass zu spielen. Die Angst vorm Ballverlust und vorm Um­schaltspiel war lähmend. Dann wurde noch Ilkay Gündoğan als personifizier­te Verunsicherung eingewechselt. Gegen Schweden haben sie sich noch mal gefangen, aber das Spiel gegen Südkorea war der Beleg dafür, dass es in der Mannschaft nicht stimmte.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Dass sie im Laufe des Spiels jede Selbstverständlichkeit verloren haben, hat mich total verwundert. Aber wenn so was nicht an der Physis liegt, hat es wohl menschlich nicht gepasst.

War die individuelle Form ein Problem?
Thomas Müller wirkte, als wäre er mit dem Kopf ganz woanders. Auch bei Mats Hummels hatte sich schon zum Saisonende abgezeichnet, dass es nicht passt. Aber nicht nur die beiden – zu viele Spieler waren einfach nicht dort, wo man sein muss, um solche Spiele zu gewinnen. Vor allem waren sie nicht in der Lage, sich gegen Widerstände zu wehren. Es war niemand da, der noch mal einen Gang höherschalten konnte. Die Freude daran, sich zu quälen, die man bei anderen Mannschaften sehen konnte, fehlte bei uns. Das darf man den Spielern übrigens durchaus nachsehen, sie müssen ja viel leisten. Aber sie wollten die Spiele auf angenehme Weise gewinnen. Sie wollten den Gegner schön müde spielen und ihn dann erledigen. Als dieser Plan nicht aufging, konnten sie nicht umschalten.

Sie kennen Jogi Löw schon lange und sind ihm als Experte bei den Länderspielen regelmäßig persönlich begegnet. Ist er abgehoben, wie ihm vielfach vorgeworfen wurde?
So wirkt er nicht auf mich. Aber man muss sich auch mal in seine Situation versetzen. Die Nationalmannschaft hat seit zwölf Jahren bei jedem Turnier mindestens das Halbfinale erreicht. Das führt natürlich zu dem Gefühl, ganz sicher zu wissen, wie das alles funktioniert.