Sylvia Schenk über den Fifa-Skandal

»Es braucht ein neues Gesicht an der Spitze«

Die Fifa versinkt im Sumpf. Sylvia Schenk von »Transparency International« über die Unmöglichkeit, die Weltmeisterschaften neu zu vergeben werden, Sepp Blatters Stärken und warum er trotzdem gehen muss.

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Sylvia Schenk, die aktuellste Frage zuerst: Wird Sepp Blatter heute wiedergewählt?
Man darf die Hoffnung ja nicht aufgeben, deswegen sage ich, die Chancen stehen 50-50. Aber um ehrlich zu sein, wird Blatter wahrscheinlich wiedergewählt werden.

Sein Verband zerfällt ihm unter den Händen, trotzdem wird er noch gestützt. Wie kann das sein?
In Bezug auf Sepp Blatter ist ja nichts Neues passiert. Die Verhaftungen sind sogar gut für die Fifa, weil in Süd- und Mittelamerika jetzt endlich mal aufgeräumt wird. Die Korruptionsvorwürfe waren auch vorher schon bekannt, von daher können die Verhaftungen eigentlich niemanden überraschen. Auch ist Sepp Blatter nicht erst seit den Verhaftungen unglaubwürdig. Natürlich kann er nicht mehr für die Fifa stehen. Schon gar nicht für eine reformwillige Fifa.

Gegen Blatter wird bislang nicht ermittelt, er selbst will von nichts gewusst haben. Ist das glaubwürdig?
Dass gegen Jack Warner ermittelt wird und es seit Jahren Vorwürfe gibt, hat er sicherlich gewusst. Die Ermittlungen gegen Jeffrey Webb waren mir auch neu, es kann also sein, dass es Details gab, die auch Sepp Blatter neu waren. Im Großen und Ganzen muss er aber gewusst haben, was im Weltfußball los ist.

Aber dann müsste er doch seinen Hut nehmen?
Es braucht ein neues Gesicht an der Spitze, Blatter steht für alles, was in der Fifa seit zwei Jahrzehnten schiefläuft. Korruption, Schmiergelder, Filz. Aber das war doch vor den Verhaftungen schon genauso.

Blatter ist 79 und seit 1998 Jahren im Amt. Warum klammert er sich überhaupt so sehr an seinen Posten?
Einerseits identifiziert er sich komplett mit seinem Job und dem Verband. Das hat meiner Meinung nach auch nichts mit Geld zu tun. Er ist weniger ein Geld-Mensch, sondern eher ein Macht-Mensch. Zum Anderen ist er immer noch der Meinung, dass er in vielen Aspekten nach wie vor der Beste für den Job ist. Und er hat auch Stärken.

Welche?
Ein Beispiel: Palästina hat einen Antrag gestellt, man möge Israel aus der Fifa ausschließen. In Zürich wird auch dafür protestiert, Menschen halten Schilder hoch, auf denen »Red Card for Israel« steht, die Medien gehen angesichts der Verhaftungen aber kaum darauf ein. Das ist ein hochpolitisches Problem, mit dem sich Blatter im Hintergrund ganz intensiv auseinandersetzt und für das er – nach meiner Kenntnis –eine Lösung haben wird. Wer weiß, wie so ein Konflikt unter anderer Führung gelöst werden würde.