Stefan Klos im großen Karriere-Interview

»Genießen konnte ich Spiele nie«

Mit Borussia Dortmund griff der stille Keeper in den Neunzigern zu den Sternen, dann aber traf sich »Stoffel« mit seinem Herzensverein vor Gericht und verschwand am Ende unbemerkt in Richtung Schottland.

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Stefan Klos, sind Sie ein »Stoffel«?
Sie meinen, wegen des Spitznamens? Den hat mir ein Freund meines Bruders verpasst, als ich zehn war. Keine Ahnung, warum. Was ist denn ein »Stoffel«?

So bezeichnet der Volksmund einen ungeschickten, mitunter mürrischen Menschen.
Also mürrisch bin ich nicht. Aber es kann sein, dass ich zur aktiven Zeit eher kurze Antworten bevorzugt habe. Das sollte aber nicht unhöflich sein.

Mit 1,81 Meter waren Sie für einen Torwart eher klein. War das jemals ein Problem in Ihrer aktiven Zeit?
Keine Ahnung, als ich Torwart wurde, war ich noch jung. Vielleicht haben alle gedacht, dass ich mich noch zurecht wachse. Meine Größe war jedenfalls nie Thema. Nur einmal, als ich mit 19 erstmals bei BVB-Profis spielen sollte.

Wie lief das ab?
Unser Trainer Horst Köppel kam auf mich zu und sagte: »Stefan, morgen gegen Wattenscheid spielst Du!« Präsident Gerd Niebaum bekam es mit und sagte zu mir: »Sach ma, wie groß bist du eigentlich?« Ehe ich antworten konnte, antwortete Köppel: »Der ist groß genug!«

Außer dem schmächtigen Gerd Niebaum hat also niemand Ihre Körpergröße gestört?
Naja, wenn es bei mir oben einschlug, fingen einige Medien damit natürlich an. Heute gibt es kaum noch Keeper unter 1,90 Meter. Als ich in Schottland trainierte, waren selbst die 16-jährigen Nachwuchstorhüter größer als ich. Für mich war das aber nie ein Problem.

Ihr großes Vorbild als Torwart war Toni Schumacher.
Er war in den Achtzigern, in denen ich aufwuchs, der prägende Keeper.

Von seinem extrovertierten Auftritt auf dem Rasen haben Sie sich aber nichts abgeschaut.
Stimmt, ich war auf dem Rasen eher ein ruhiger Vertreter. Aber ich mochte solche Typen. Toni wurde in Dortmund mein Torwarttrainer, wir hatten ein super Verhältnis. Frank Mill war auch so ein schräger Vogel, als ich zu den BVB-Profis kam, war er schon 37. Er kam auf mich zu und sagte: »Junge, ab sofort biste bei mir aufm Zimmer.«

Beschreiben Sie mal Ihre Teilzeit-WG.
Frank war alte Schule. Wenn es in den Hotels keine Fernbedienung gab, lag er auf dem Bett und rief: »Junge, umschalten!«

Wie oft mussten Sie aufstehen?
Freitagabends hat er immer »Derrick« geguckt, da hatte ich meine Ruhe. Aber wenn der Fall gelöst war, musste ich öfter mal raus.

Sie waren so eine Art Lehrling für ihn?
Ich war gerade erst bei meinen Eltern ausgezogen. Da kam es vor, dass ich im Hotel meine Sachen nicht gleich in den Schrank hängte. Wenn alles im Raum verteilt lag, stellte Frank meine Matratze auf den Balkon und befahl: »So, Stoffel, du räumst jetzt das Zimmer auf oder du schläfst draußen.«

Sie beerbten mit 20 den Publikumsliebling Teddy de Beer im BVB-Tor. Wie groß war die Rivalität zwischen ihnen?
Bis ich Stammkraft wurde, hatten wir kein Problem miteinander. (Lacht.)

Und dann?
Naja, es gab keinen Krieg, aber die Situation war nicht einfach. Teddy war  28, im besten Torwartalter. Und plötzlich kommt ein Jungspund und macht ihm seinen Platz streitig. Auf dem Trainingsplatz konnte es da schon ungemütlich werden, denn Teddy war mir körperlich um einiges überlegen.

Das heißt, es ging auf die Knochen?
Wenn wir im Trainingsspiel aufeinandertrafen, kam das schon mal vor. Ich habe jedenfalls immer aufgepasst, wenn er in der Nähe war. Warum bekamen Sie so früh den Vorzug? Ottmar Hitzfeld hatte 1991 beim BVB angefangen. Am Anfang der Saison verloren wir ziemlich oft – gegen Rostock und Schalke relativ hoch – dann schieden wir auch noch im Pokal aus. Eigentlich hatte Hitzfeld gesagt, dass ich erst mal meine Bundeswehrzeit absolvieren solle, aber kurz bevor der Wehrdienst begann, setzte er mit dem Torwartwechsel ein Zeichen.

Sie erzählen das so beiläufig.
Das wirkt nur so. Ich war schon ehrgeizig. Als Torwart muss man vermutlich so sein. Denn wenn ein Gegentor fällt, steht man immer im Fokus, selbst wenn einen keine Schuld trifft. Als Torwart fühlt man sich immer ein bisschen mitverantwortlich.

Im Gegensatz zu Kollegen wie Oliver Kahn oder Toni Schumacher haben Sie diese besondere Art des Drucks aber nie nach außen getragen.
Sie meinen, weil ich nie einen Gegenspieler gewürgt habe? Ich habe trotzdem den Druck, der Letzte, der entscheidende Mann, zu sein, der auf eine Situation Einfluss nehmen kann, immer deutlich gespürt.

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