St. Paulis James Lawrence über seine kuriose Karriere

»Ich traf Cruyff, als ich im Rollstuhl den Ball jonglierte«

St. Paulis James Lawrence erlebt bewegte Tage: Erst der EM-Jubel mit Wales, dann der schwarze Tag in Aue. Doch seine ganze Karriere ist ohnehin ereignisreich: Der »Forrest Gump des Fußballs« traf durch Zufall auf Bergkamp, Cruyff, Giggs und Bale.

Andreas Hornoff
Heft: #
216

Eine gekürzte Form des Interviews erschien in 11FREUNDE #216.

James Lawrence, verdanken Sie Ihre Karriere einer E-Mail Ihres Vaters?
Zumindest hat er mir damit sehr geholfen. Als ich 15 Jahre alt war, nahm meine Mutter einen Job in den Niederlanden an. Mein Vater und mein Bruder pendelten mehr oder weniger zwischen unserer Heimat London und Amsterdam. Es war nicht ganz klar, wo ich bleiben sollte. Mein Vater schrieb sämtliche Fußballklubs in der Nähe von Amsterdam an und berichtete ihnen, dass ich in der Jugend bei Arsenal gespielt hatte. Der Verein Haarlem meldete sich zurück und bot mir ein Probetraining an. Ich selbst war aber skeptisch.

Sie wollten zurück nach London?
Nein, es war eher so, dass ich damals noch zu schüchtern war. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache – das war etwas viel für mich. Mein Vater musste mich überreden. Tatsächlich hat es mir dann großen Spaß bereitet und ich blieb über den Sommer hinaus beim Verein. Glücklicherweise arbeiteten ein Scout und der Sportdirektor des Klubs auch bei Ajax Amsterdam. Sie haben mich gleich dorthin mitgenommen.

Sie sollen bei Ajax auf Dennis Bergkamp getroffen sein.
Ja, ohne es so richtig zu ahnen. Ich spielte einige Freundschaftsspiele mit der Ajax-Jugend, Bergkamp musste gleichzeitig für seinen Trainerschein Erfahrung als Coach sammeln. Ich saß also in der Kabine, als plötzlich dieses Idol meiner Kindheit hereinspazierte. Für meine Mitspieler war das normal, sie sagten »Hi, Trainer« oder »Hi, Dennis«. Doch ich blieb sitzen und bekam kein Wort heraus. Ich stotterte selbst beim „Hi“. Als langjähriger Fan von Arsenal konnte ich nicht glauben, wer da vor mir stand.

Hat Bergkamp im Training mal mitgespielt?
Oh ja. Und die Torhüter haben es gehasst. Bei den Torschussübungen haute er jeden Ball in den Winkel. Glauben Sie mir, ich übertreibe nicht: jeden! Wir bekamen als junge Spieler einen Eindruck davon, wie Weltklasse im Fußball aussieht.

Wie kamen Sie in den Niederlanden zurecht?
Der Fußball war komplett anders, als ich ihn aus England kannte. Bei meinem letzten Klub QPR hatte ich Probleme mit dem Trainer. Ich bin neugierig gewesen, habe Nachfragen gestellt und Abläufe hinterfragt, weil meine Eltern es mir so beigebracht hatten. Der Trainer allerdings sah seine Autorität infrage gestellt und meinte: »Du machst es so, weil ich es dir sage.« In den Niederlanden hingegen wird von den Jugendlichen selbstständiges Denken erwartet. Da korrigieren sich die Spieler untereinander. Taktisch musste ich unglaublich viel aufholen.

Warum?
Bei Ajax werden alle Spieler mit dem 4-3-3-System groß. Sie wissen genau, wie man sich in den Räumen bewegt, wie man auf das Pressing des Gegners reagiert, wie das Spiel von hinten aufgebaut wird. Jeder Einzelne ist taktisch gut geschult, für mich waren das echte Lehrjahre. Genau zu dieser Zeit erlebte ich einen Wachstumsschub und die Trainer zogen mich vom Mittelfeld auf die linke Verteidigerposition oder auf die Innenverteidigung zurück. Das war entscheidend für meinen weiteren Weg.

Haben Sie auch die Ajax-Ikone Johan Cruyff getroffen?
Mehrere Male. Das erste Treffen war besonders kurios. Ich arbeitete als Volunteer für seine Stiftung, kümmerte mich um Kinder mit Handicap. Eines Tages waren schon alle anderen gegangen, ich lief noch einmal durch die Halle. Dann setzte ich mich in einen der leeren Rollstühle, lehnte mich zurück, sodass ich auf zwei Rädern stand, und fing in dieser Position an, einen Fußball zu jonglieren. Nach einiger Zeit bemerkte ich, wie ein Mann mich beobachtete. Mir fiel der Ball hin und der Mann kam näher. Er sagte: »Junge, wenn etwas nicht klappt, musst du es weiter probieren.« Und ich dachte mir: Ok, wenn jemand wie Johan Cruyff das sagt, muss etwas dran sein.