So erlebten Fans das Skandalfinale von Buenos Aires live im Stadion

»Die Attacke war erwartbar«

Ein deutscher Fan reist 12.000 Kilometer nach Argentinien, um das Finale der Copa Libertadores live im Stadion zu erleben. Nach sieben Stunden auf der Tribüne wird ihm langsam klar: Er sieht heute kein Fußballspiel mehr, sondern den Tiefpunkt des argentinischen Fußballs. 

Stefan Borghardt

Jan-Henrik Gruszecki, Sie sind ein bekanntes Gesicht in der Dortmunder Fanszene, haben aber auch lange in Südamerika gelebt und lieben den argentinischen Fußball. Was bedeutet das »Superclasico« im Finale der Copa Libertadores für Argentinien?
Es ist das größtmögliche Spiel des Kontinents: River Plate und Boca Juniors sind die mit Abstand größten Vereine Argentiniens und kommen beide aus Buenos Aires. Dazu kommt eine uralte Rivalität beider Fanlager, die sich im Kampf der sozialen Schichten begründet. Das Spiel wird »Superclasico« genannt und ist jedes Jahr das Highlight des argentinischen Fußballkalenders. Als Europäer muss man sich das so vorstellen, als würden zwei Mannschaften von der Größenordnung von Barcelona oder Real Madrid mit einer Rivalität vom Belgradderby aufeinander treffen. Und das alles im Champions-League-Finale. Im eigenen Stadion. Diese atemberaubende Konstellation hat für Ekstase gesorgt.

Wie war die Stimmung im Land in den Wochen vor dem Spiel?
Die Atmosphäre war einmalig. So eine kollektive Vorfreude habe ich noch nie erlebt. Als das Halbfinale abgepfiffen wurde und es sich bestätigte, dass es im Finale tatsächlich zum »Superclasico« kommen würde, brachen in Südamerika und vor allem in Argentinien alle Dämme. Seit Wochen wurde in den Restaurants, den Kneipen und auf der Straße über nichts anderes geredet. Selbst der G20-Gipfel, der ab Freitag in Buenos Aires stattfindet und normalerweise große Beachtung gefunden hätte, ist in diesem Monat nur eine Randnotiz. Außerdem hat man wahrgenommen, dass diesem Spiel die weltweite Aufmerksamkeit zuteil wurde und sich viele Fernsehsender die Übertragungsrechte sicherten. Das hat die Euphorie für das kommende Fußballfest natürlich weiter gesteigert.

Zu diesem Fußballfest kam es leider nicht. Weil River-Fans den Mannschaftsbus der Boca Juniors mit Steinen attackierten, wurde das Spiel letztendlich abgesagt. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Ich hatte eine Eintrittskarte für das Spiel und habe die meiste Zeit des Tages im Stadion verbracht. Die Stadionkontrollen waren so enorm, dass den Fans geraten wurde, bereits vier Stunden vor Anpfiff am Stadion zu sein. Um sicherzugehen, dass alles mit meiner Karte klappt und ich rein komme, war ich also schon um 13:00 Uhr am Stadion. Die Stimmung in der Stadt war den ganzen Tag über schon sehr gereizt. Aber dass es den Angriff auf den Bus gab, haben wie Zuschauer im Stadion nicht richtig mitbekommen. Und so standen wir in der knallenden, südamerikanischen Sonne im unbedachten Stadion - in dem natürlich alle Getränke schon vor dem geplanten Anpfiff ausverkauft waren - und haben auf das Spiel gewartet, das niemals angepfiffen wurde.


Wurde nicht irgendwann angesagt, dass das Spiel abgesagt ist?
Nein. In Argentinien läuft ein großes Finale generell nicht so ab, wie man das aus Europa kennt. Hier gibt es keine Eröffnungsshow oder einen Halbzeitauftritt von Helene Fischer. 30 Minuten vor dem Anpfiff kommen die Mannschaften auf den Rasen um sich aufzuwärmen, später gibt es das Spiel und anschließend die Siegerehrung. Da es also sowieso keine durchorganisierte Beschallung gegeben hätte und man so gut wie keinen Internet-Empfang im Stadion hat, haben wir erst spät erfahren, dass irgendetwas nicht stimmt.

Wann denn?
Im Laufe des Nachmittags wurde das Spiel immer weiter in den Abend verschoben. Später kam raus, dass zu dem Zeitpunkt schon feststand, dass das Spiel an dem Tag nicht mehr stattfinden wird. Vom Stadionsprecher kamen dazu aber keine Informationen. Alles, was wir wussten, wussten wir durch Twitter oder Handy-Nachrichten von Freunden, die das Spiel im Fernsehen schauten. Irgendwann sickerte dann auf den Rängen durch, dass einige Spieler durch den Busangriff verletzt wurden und dass sich beide Mannschaften weigern aufzulaufen. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als nach sieben Stunden Wartezeit wieder nach Hause zu fahren.

Ist daraufhin Unruhe im Stadion ausgebrochen?
Überhaupt nicht. Ich war ehrlich gesagt überrascht, wie ruhig es im Stadion blieb. Die Fans sind mit einem resignierten Schulterzucken aus dem Stadion getrottet. Es machte sich eher ein Schamgefühl breit. Alle wussten, dass das Spiel in fast allen Ländern übertragen werden sollte. Ich habe viele enttäuscht murmeln gehört: »Mensch, leben wir in einem Scheißland! Hier kann nichts organisiert werden.« Und auch ich muss leider sagen, dass man mit dieser desaströsen Polizei solche großen Spiele nicht in Argentinien ausrichten kann.