Sind Sie der Rockstar der Trainer, Gertjan Verbeek?

»Ich habe mich im Ton vergriffen«

Woher kommt die Autorität eines Trainers?
Zunächst mal natürlich über seine Funktion, aber ich habe hier in Bochum noch nie eine Geldstrafe verhängt. Die ist nämlich im Prinzip ein Ablass vom Fehlverhalten. Wenn ein Spieler zu spät zum Training kommt, schicke ich ihn nach Hause. Dass er erst am nächsten Tag wieder trainiert, ist eine viel härtere Strafe, als wenn er bezahlen müsste.

Wie oft kommen Spieler zu spät?
Das gab es einmal, danach nicht mehr. Im Trainingslager sind zwei Spieler mal nicht pünktlich bei der Abfahrt des Busses zum Sportplatz da gewesen. Ich hab dem Busfahrer gesagt, dass er losfahren soll. Er durfte auch nicht anhalten, als die beiden winkend hinter dem Bus herrannten. Sie sind dann mit dem Taxi nachgekommen und waren pünktlich zum Trainingsbeginn da. Kein Problem, und in den Tagen danach kamen sie immer zehn Minuten vor Abfahrt.

Nun hatte sich Ihr Torhüter Andreas Luthe via Facebook beklagt, dass Sie seine Versetzung auf die Bank nicht richtig begründet hätten.
Ihm habe ich auch keine Strafe gegeben. Er hat sich nicht an die Regeln gehalten, die sich die Mannschaft selbst gegeben hat. Dadurch hat er sich außerhalb der Gruppe gestellt und war daher in den drei Wochen bis Beginn der Wintervorbereitung nicht dabei.

Ist eigentlich Ihr Umgang mit Journalisten auch eine Form der Rebellion? Sie haben mehrfach deutlich vor allem die »Bild« kritisiert und weigern sich inzwischen sogar, die Fragen des für den VfL Bochum abgestellten Reporters zu beantworten.
Eine Autorität wie bei der »Bild«-Zeitung, die daher kommt, dass sie die Meinung im Fußball bestimmt, interessiert mich nicht. Aber ich habe auch in Holland schon Probleme mit der Presse gehabt, weil ich sehr direkt bin. Ich sage, was ich denke. Ich bin unabhängig, wie Lemmy von Motörhead. Was andere über mich denken, interessiert mich nämlich nicht. Und wenn Journalisten mich verarschen, warne ich einmal, zweimal. Beim dritten Mal ist es vorbei.

Das klingt dann so: »Ihr spielt immer zwei Parteien gegeneinander aus.« Das haben Sie im September in einer Pressekonferenz über »Bild« gesagt und: »Ihr seid doch Arschlöcher!«
Ich habe mich im Ton vergriffen und mich dafür entschuldigt. Aber der Inhalt war okay.

Sie überlegen gerade, ob Sie Ihren Vertrag in Bochum verlängern. Inwiefern spielt bei Ihren Überlegungen die Situation mit der Presse eine Rolle?
Wenn meine Arbeit hier unmöglich wird, weil ich zu viel Ärger habe oder der Klub nur negativ vorkommt, weiß ich: Das Kraftfeld wird negativ für mich.

Ist es schon so weit?
Nein, aber das kann passieren. Ich mach es mir natürlich nicht leichter, denn »Bild« wird jede Chance nutzen, um mir zu schaden.

Könnten Sie sich nicht einfach etwas diplomatischer verhalten?
Sie sprechen von Diplomatie, aber man könnte auch sagen: Ich bin ehrlich. Immer! Ich habe keine zweite Agenda, und ich werde nie hinter seinem Rücken etwas über jemanden sagen.

Woher kommt diese Direktheit?
Das war schon immer so, ich habe auch immer schon geführt. Obwohl ich unter den Nachbarskindern der Jüngste war, habe ich entschieden, wer beim Straßenfußball in welcher Mannschaft spielt. Später, als die anderen schon Moped fahren durften, sind wir trotzdem mit dem Fahrrad zusammen weggefahren, weil ich noch nicht Moped fahren durfte. Und mit 17 Jahren habe ich von einem auf den anderen Tag entschieden, dass ich von zu Hause weg muss. Ich hatte keine Arbeit und kein Einkommen, aber es war das Beste für die Familie. Ich konnte schließlich meine Mutter nicht dazwischen wählen lassen, ob mein Vater geht oder ich. So ist mein Charakter, er hat mir viel geholfen, aber auch Probleme verschafft.

Stimmt es, dass Sie mit 14 Jahren zu boxen angefangen haben, weil Ihnen oft die Hand ausgerutscht ist und Sie Ihre Aggressionen in den Griff bekommen mussten?
So schlimm war es nicht. Aber ich war sehr dominant, kannte keine Angst, und wenn sich jemand mit mir anlegen wollte, gab es Streit. Das ist mit dem Boxen besser geworden.

Was fasziniert Sie an diesem Sport?
Die kurze Zeit, um Schläge zu verdauen. Im Fußball bleiben die Spieler ewig liegen, ohne dass etwas passiert ist. Sie rollen sich rum und schreien wie Babys. Es wird immer schlimmer. Ein Boxer dagegen wird angezählt und hat nur acht Sekunden, um wieder auf die Beine zu kommen. So müsste es beim Fußball auch sein. Sie glauben gar nicht, wie schnell die wieder stehen würden. Außerdem gefällt mir am Boxen die Disziplin, die man dafür aufbringen muss.