Shkodran Mustafi über die WM, Jogi Löw und Valencia

»Einige sehen nur das Negative«

Was haben Sie im italienischen Fußball gelernt?
Er ist sehr von Taktik geprägt mit vielen Spielern, die etwas älter und sehr erfahren sind – ganz clevere Füchse. Einer, bei dem ich gedacht hatte, dass er doch längst zu alt ist und aufhören sollte, hat mir wirklich jedes Mal richtig viele Probleme bereitet, weil er so raffiniert ist. Ich meine Antonio di Natale von Udinese, der dieses Jahr 38 wird. Wenn man gegen einen wie ihn oder gegen Francesco Totti oder Andrea Pirlo nur eine Sekunde abschaltet, spielen sie den Ball dahin, wo es richtig weh tut. Vor allem Pirlo hat mich von den Socken gehauen. Vor dem Fernseher habe ich gedacht: Das ist ein Opa, der macht das Spiel langsam. Aber auf dem Platz merkst du dann, dass das Gegenteil richtig ist.

Warum sind Sie nicht in Italien geblieben, Sie hatten doch sogar ein Angebot von Juventus Turin?
Ich wollte zu einem Verein, bei dem es die Perspektive gibt, in der Europa League oder natürlich am besten Champions League Erfahrungen zu sammeln. Das war in Genua leider nicht möglich, aber ich wollte auch nicht zu einem großen Klub, wo ich dann vielleicht keine Rolle spiele. Bei Valencia haben sie mir gesagt, dass ich zwar keinen Freifahrtschein haben würde, aber eine Lücke in der Mannschaft schließen sollte. Außerdem haben sie wirkliches Interesse gezeigt, ständig angerufen und nachgefragt. Der Sportdirektor hat sich mit mir persönlich zusammengesetzt. Ich muss einfach sehen, wer mir da gegenübersitzt, ich will so wichtige Sachen nicht am Telefon klären.

Und was steht hier in Spanien für Sie fußballerisch auf dem Lehrplan?
Das Tempo, denn das ist meiner Meinung nach eines der höchsten in Europa. Außerdem gibt es hier keine Mannschaft, auch am Tabellenende nicht, die nicht versucht, Fußball zu spielen. Ich finde, dass die italienische und die spanische Liga in Deutschland meist sehr unterschätzt werden.

Welchen Kulturschock gab es in Spanien?
Bislang noch keinen. Wer Italien kann, der kann auch Spanien. Außerdem entspricht die Mentalität in Italien und Spanien sehr unserer albanischen.

Sie haben mal gesagt: »Ich bin der erste Albaner, der Weltmeister geworden ist.« Wie viel Albaner sind Sie denn?
Sehr viel. Ich weiß, woher ich komme, aber ich habe mich in Deutschland eingelebt.

Naja, was heißt »eingelebt«, Sie sind in Deutschland geboren.
Ich bin aber in eine albanische Familie hineingeboren, und für mich war es immer wichtig, meine Wurzeln zu respektieren. Zugleich muss man lernen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und sich mit ihr zu identifizieren. Ich bin jedenfalls dankbar dafür, dass ich in so einem Land aufwachsen durfte. Wenn man mal in Albanien war, weiß man wirklich zu schätzen, was man in Deutschland hat.

Allerdings gibt es viele Albaner, die sagen, für Albaner sei es schwer, in Deutschland zu leben.
Ich glaube, einige machen es sich auch schwer, weil sie nur das Negative sehen.

Sind Sie auf dem Fußballplatz als Albaner nie angepöbelt worden?
Ehrlich gesagt: nein.

Ihre Familie stammt aus Gostivar, einer kleinen Industriestadt in Mazedonien. Wie stark sind ihre Verbindungen dahin noch?
Unsere Familie ist von Deutschland über die Schweiz, Österreich, Italien, Norwegen bis in die USA verstreut. Sehr viele Familienmitglieder leben nicht mehr in Mazedonien. Aber wenn man sieht, wie die Leute da leben, versteht man auch, warum alle unbedingt weg wollen. Es gibt dort keine Perspektive. Mich bringt das auf den Boden zurück, wenn ich sehe, mit wie wenig Geld die Leute auskommen müssen. Anderseits verkörpere ich für sie auch ein Stück Hoffnung, dass man es als Albaner schaffen kann. Deshalb fahre ich auch öfter dorthin.

Sie sind Moslem, welche Rolle spielt Religion für Sie?
Eine sehr große, sie gibt mir viel Kraft, um mit den täglichen Aufgaben fertig zu werden. Gerade weil man als Fußballspieler so viel verdient und traumhafte Dinge erlebt, hält die Religion dich auf dem Boden. Da ist zwar einerseits mein Job mit viel Trallala, aber im Endeffekt bin ich ein Mensch wie alle anderen, der auf Erden ist, um das Paradies anzustreben. Das ist meine eigentliche Aufgabe, und wenn ich heute ein Scheißspiel machen sollte, ist es nicht das Ende der Welt.

Wurde Religion in Ihren Fußballmannschaften diskutiert?
Nein, ich wurde nur öfter mal gefragt, warum ich kein Schweinefleisch esse und keinen Alkohol trinke. Dann erkläre ich, dass mir die Religion das verbietet, und dann ist die Sache auch erledigt.

Haben Sie im Campo Bahia fünf Mal am Tag nach Mekka gebetet?
Den Glauben erlebt man im Herzen. Wie man betet oder wie oft man das tut, ist zu persönlich, um öffentlich darüber zu sprechen.

Und wie haben Sie eine WM-Siegesparty erlebt, bei der alle getrunken haben, nur Sie nicht?
Ich bin kein schüchterner Typ, der Alkohol braucht, um aus sich rauszukommen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich was verpasse. Ganz im Gegenteil, ich hatte sogar mehr davon, weil ich alles mitbekommen habe.