Shkodran Mustafi über die WM, Jogi Löw und Valencia

»Ich muss mir nicht mehr den Kopf zerbrechen«

Nach der WM ist er beim FC Valencia durchgestartet. Shkodran Mustafi über seinen ungewöhnlichen Karriereweg durch Europa, einen Trainer, der Pasta kochte und seine nüchterne Siegesfeier in Brasilien.

Christiane von Enzberg
Heft: #
160

Shkodran Mustafi, mögen Sie noch über die Weltmeisterschaft sprechen?
Natürlich redet man gerne darüber, was man gewonnen hat. Aber irgendwann muss man im Kopf einfach mal Platz schaffen, um sich auf neue Aufgaben konzentrieren zu können.

Vielen Weltmeistern scheint genau das schwer zu fallen, während Ihnen der Wechsel zum FC Valencia reibungslos gelungen ist. Sie sind sofort Stammspieler in einer Mannschaft geworden, die auf dem Weg in die Champions League ist. Warum sind Sie nicht ins WM-Loch gefallen?
Vielleicht hatte ich einfach Glück. Ich habe mich in Brasilien verletzt, und der Verein hat mir anschließend genügend Zeit gegeben, um mich auszukurieren und dann durchzustarten.

Das klingt fast so, als sei die Verletzung ein Segen gewesen.
Nein, das war sogar sehr traurig. Aber wenn man Pech hat, macht der Verein gerade direkt nach einem Wechsel richtig Druck. Dann steigt man zu früh ein, hat die ganze Zeit im Kopf, eigentlich nicht fit zu sein und kommt dann in eine Negativspirale.

Wie gewöhnungsbedürftig ist es für Sie noch, Weltmeister zu sein?
Ich frage mich oft: Wie wird es wohl sein, wenn ich erst mal realisiere, dass ich Weltmeister bin? Werde ich damit umgehen können?

Sie wollen doch nicht behaupten, das wäre mehr als ein halbes Jahr danach noch nicht bei Ihnen angekommen?
Überhaupt noch nicht! Ich hatte einfach zu wenig Zeit, um mir darüber Gedanken zu machen. Erst wurde ich ins Trainingslager eingeladen, dann nicht nominiert, dann nachnominiert, wurde gleich im ersten Spiel eingewechselt, habe mich gegen Algerien verletzt. Anschließend gab es den Wechsel, den Umzug von Genua nach Valencia, es gab keine Pause.

Als Jogi Löw Sie am Tag der Abreise nach Brasilien angerufen hat, um Ihnen zu sagen, dass Sie für Marco Reus nachnominiert sind, haben Sie sich da gefragt: Warum holt er denn den sechsten Innenverteidiger und keinen Offensiven?
Nein, ich war auf dem Weg vom Autohaus zu meinen Eltern und wusste in dem Moment nicht, was passiert. Habe ich den Anruf wirklich bekommen, oder ist das nur ein Traum?

Haben Sie gedacht, dass vielleicht jemand einen Scherz mit Ihnen versucht?
Nein, den Trainer habe ich schon zweifelsfrei erkannt.

Stimmt es, dass Sie auf der Anreise zum Campo Bahia auf der Fähre gestanden, Bastian Schweinsteiger angeschaut und gedacht haben: Krass, das ist ja wirklich Schweini?
Ja, zwei Jahre vorher habe ich noch beim Public Viewing zu Hause in Bebra vor der Leinwand gestanden, und jetzt war ich plötzlich Teil der Nationalmannschaft auf dem Weg ins WM-Camp. Da habe ich mich schon gefragt, was hier eigentlich gerade passiert.

Klingt nach einem Traumzustand.
Das kann man so sagen, und dieser Zustand hat bis lange nach der WM angehalten. Es gibt noch ganz viele Löcher in der Erinnerung, bei denen ich mich frage, wie das eigentlich war.

Zur Erinnerung: Sie standen im Achtelfinale gegen Algerien sogar in der Startelf.
Wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut.

Fanden Sie es nicht bedauerlich, sich dem Publikum nicht auf Ihrer besten Position zeigen zu dürfen?
Das ist mir egal. Wenn der Trainer meine Hilfe auf der rechten Außenverteidigerposition und nicht als Innenverteidiger braucht, dann gebe ich, was ich kann.

Sie sind teilweise aber stark kritisiert worden. ZDF-Reporter Béla Réthy hat beim Algerien-Spiel gestöhnt, Sie seien »völlig durch den Wind«.
So was lasse ich nicht an mich ran, von außen kann man einen Spieler sowieso ganz schlecht beurteilen. Medien und Fans kennen meine Aufgaben doch gar nicht. Der Bundestrainer war sich durchaus bewusst, dass ich kein Spieler bin, der als Rechtsverteidiger ständig ins Dribbling geht und dabei noch ein paar Übersteiger machen wird. Für mich hat es als Bestätigung gereicht, dass er mich wieder hat spielen lassen. Außerdem bin ich erst 22 Jahre alt, und es gibt für mich noch so viel zu lernen.

Lernt es sich als Weltmeister leichter?
Einerseits hat es mir schon geholfen, als Weltmeister zu einem neuen Klub zu kommen. Aber zugleich mache ich mir immer wieder bewusst, dass ich noch nicht ausgelernt habe. Mir war es auch in Brasilien wichtig, alles mitzunehmen, was nur geht, und mir bei erfahrenen Spielern wie Klose, Lahm oder Mertesacker etwas abzuschauen und zu hören, worauf sie achten und was sie machen.

Was war der beste Tipp, den Sie bekommen haben?
Der kam nach der WM von Thomas Müller. Er hat gesagt: »So, jetzt kann mir keiner was sagen, ich kann einfach das machen, was ich will.« Ich glaube, er hat recht. Ich muss mir jetzt nicht mehr den Kopf zerbrechen, wenn ich einen Risikopass verbockt habe. Dann ist es eben so, und ich versuche es trotzdem das nächste Mal wieder.

Der Titelgewinn war der bisherige Höhepunkt eines ziemlich ungewöhnlichen Karrierewegs von Deutschland über England, Italien nach Spanien. Warum sind Sie mit 14 Jahren aus Bebra in Hessen ausgerechnet ins Internat des Hamburger SV gegangen?
Ich hatte 2007 zahlreiche Angebote: Bayern, Schalke, Dortmund oder Bremen waren alle dabei. Mein Vater und ich sind überall gewesen, haben uns das angeguckt, und Hamburg hat uns letztlich am meisten überzeugt.

Ihr Vater hatte 2008 einen schweren Arbeitsunfall, als er unter einem Kran eingeklemmt worden ist und anschließend fünf Jahre lang nicht arbeiten konnte. Hatten Sie das Gefühl, es erst recht schaffen zu müssen, um Ihre Familie unterstützen zu können?
Nein, der Druck kam nur von innen. Ich wollte kein Versager sein, weil ich es nicht schaffe. Nach dem Unfall war es eher so, dass mir die Familie den Druck genommen hat, statt welchen aufzubauen.

Ihr Vater hat früher sogar extra freiberuflich bei einer Stahlbetonfirma gearbeitet, damit er mehr Zeit hatte, um Sie zum Fußball zu fahren. Haben Sie sich dadurch in der Verantwortung gefühlt?
Für mich war einfach selbstverständlich, dass er mich zum Training oder zu den Spielen fährt. Als Kind denkt man darüber nicht nach, was die Eltern alles machen. Außerdem ist mein Vater aufgrund des Altersunterschiedes eher wie ein großer Bruder.

Er war 17, als Sie zur Welt gekommen sind.
Ja, und ich bin wirklich froh, dass ich junge Eltern habe, die nicht in einer ganz anderen Welt leben.