Schriftsteller Javier Marias über seine Liebe zu Real

»Der fehlende Wettbewerb langweilt mich«

Anders gefragt: Investiert Real Madrid zu viel Geld in Topstars?
Ich denke: ja. Wenn die Verantwortlichen weniger Stars kaufen würden, hätten sie mehr Spieler aus dem eigenen Nachwuchs im Kader. Diese Nachwuchsspieler sind wichtig für die Identifikation der Fans – oder waren es zumindest früher. Ich denke zwar, dass die meisten Zuschauer heute nicht so sentimental sind. Ich selbst aber fand es besser, als zwischen den reichen Vereinen und den anderen nicht ein dermaßen großer Abstand herrschte. Dieser fehlende Wettbewerb langweilt mich. Wie schon gesagt: Niemand will eine Liga, in der jedes Jahr der FC Bayern Meister wird. Immerhin haben wir in Spanien eine Liga, in der mittlerweile drei Mannschaften das Zeug zum Titel haben.

Wenn ein Verein in der Lage ist, jeden Spieler der Welt zu verpflichten – verzieht er damit nicht auch seine Fans zu blasierten Kindern?
Ich denke, dass ich ein romantischer Fan bin. Deswegen will ich es so ausdrücken: Ich habe mehr Sympathie für Iker Casillas, der seit seinen Kindertagen im Klub ist, als für Gareth Bale. Ich hatte mehr Sympathie für Emilio Butragueno als für Hugo Sanchez; mehr für Raul als für Zidane. Für mich ist wichtig, dass ich gesehen habe, wie die Spieler gewachsen, wie sie besser geworden sind. Wenn jemand bereits voll ausgebildet dazustößt, dann ist das gut, aber nur, wenn die Basis der Mannschaft eine andere ist. Falls nicht, dann besteht die Gefahr, dass sich der Verein in eine Art Harlem Globetrotters verwandelt. Und die Globetrotters messen sich nicht mit anderen, sie sind nicht ernsthaft, sie sind eine Showmannschaft, ein Team der Jongleure, eine Zirkustruppe. Doch wer will schon Zirkus ohne Emotion?

 Was empfinden Sie, wenn Sie Cristiano Ronaldo weinen sehen?
Nichts. Aber niemand kann ihm wirklich böse sein. Er ist ein Kind, und niemand kann Kindern böse sein.


Alfredo Di Stefano, Zinedine Zidane, Cristiano Ronaldo: Könnten diese drei zusammenspielen?
Das ist Science-Fiction!

 Wer wäre in dieser Science-Fiction-Mannschaft der Chef?
In diesem Genre definitiv Di Stefano. Zidane ist ein sehr zurückhaltender Charakter, und Ronaldo würde schon am ersten Tag von Di Stefano in die Schranken verwiesen werden. Cristiano ist sehr gehorsam, in Wirklichkeit ist er sehr jungenhaft. Di Stefano hingegen hatte nichts Kindisches an sich, er war ein Marschall, wenn auch mit Sinn für Humor. Don Alfredo eben.

Wenn das »Weiße Ballett« auf die Mannschaft der Gegenwart träfe, wem würden Sie die Daumen drücken?
Ich bleibe bei meiner Treue für die Idole meiner Kindheit. Außerdem ist die aktuelle Mannschaft noch keine für die Ewigkeit. Das wird nach der Ära Mourinho noch eine ganze Zeit dauern.

Welchen Schaden hat Mourinho angerichtet?
Real Madrid war eine noble Mannschaft, Mourinho machte aus ihr eine unehrenhafte. Real Madrid hat sich nie mit Schiedsrichtern angelegt, Mourinhos Mannschaft tat das andauernd. Real Madrid stand für Fair Play, Mourinhos Mannschaft für Foul Play. Real Madrids Trainer waren wohlerzogene Lehrer, die das Lob an ihre Mannschaft weitergaben, Mourinho war schlecht erzogen und bezog alles Lob auf sich. In dieser Zeit fiel es mir schwer, so mitzufiebern wie zuvor. Ich war im Finale der Copa del Rey sogar für Atletico, damit Mourinho sich nicht mit einer weiteren Trophäe schmücken konnte. Stellen Sie sich das mal vor!

Das Real Madrid der Gegenwart hat noch keinen Namen wie »Weißes Ballett« oder »Die Galaktischen«. Welchen schlagen Sie vor?
Ich habe noch keinen Namen für diese Mannschaft. Einfach, weil sie noch keinen verdient.

Javier Marias, geboren 1951 in Madrid, gelang Anfang der Neunziger mit 
»Mein Herz so weiß« der Durchbruch. 2000 erschien »Alle unsere frühen Schlachten«, ein Sammelband mit Erinnerungen an den Fußball seiner Kindheit. 
Sein Gesamtwerk hat eine Auflage von über sechs Millionen Exemplaren erreicht. 
Javier Marias lebt in Madrid.