Schriftsteller Javier Marias über seine Liebe zu Real

»Mourinho war ein schlechter Trainer«

Nach dem »Weißen Ballett« hatte Real Madrid noch weitere große Spielergenerationen, etwa »El Madrid ye-yé« mit Pirri, Ignacio Zoco und Manuel Velasquez oder »La Quinta del Buitre« mit Emilio Butragueno, Martin Vazquez und Michel, gewann aber den Landesmeisterpokal 32 Jahre lang nicht mehr. Wie kam das?
Das weiß ich auch nicht! »La Quinta del Buitre« hätte ihn gewinnen müssen, aber sie traf auf das Milan von Arrigo Sacchi, auf Gullit, Rijkaard und Van Basten, die bedauerlicherweise besser waren.

1998 war die Durststrecke endlich überwunden, Real Madrid schlug Juventus Turin im Endspiel von Amsterdam 1:0. Trainer Jupp Heynckes musste trotzdem gehen. Warum?
Das werde ich niemals verstehen. Real Madrid stellt sich selbst immer als höchst anspruchsvoll dar. Der Verein hat schon Trainer entlassen, die sehr viele Titel gesammelt hatten, nur weil ihr Spielstil den Fans angeblich nicht gefiel. So war es 2003 auch mit Vicente del Bosque, obwohl er wirklich außergewöhnlich war, nicht nur fußballerisch, auch psychologisch. Auf der anderen Seite ließ man jemanden wie José Mourinho drei Spielzeiten lang wirken, obwohl schnell klar war, dass er ein schlechter Trainer war, ein einfacher Mensch und Gift für die Mannschaft. Mir scheint es, als seien die Präsidenten eines Vereins nie intelligente Zeitgenossen. Ehrgeizlinge dafür sehr wohl.

Welcher deutsche Spieler in Diensten Real Madrids hat Ihnen am besten gefallen?
Mesut Özil glänzte vielleicht ein bisschen zu sehr. Ich habe nichts gegen diese glänzenden Genies, wie auch Guti eines war. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Özil wirklich an die ganz Großen heranreicht. Es scheint auch nicht so, als bewirke er besondere Dinge beim FC Arsenal. Günter Netzer hingegen: Ihm zuzuschauen war ein wahres Vergnügen!

Netzer verließ einst Madrid heimlich für zwei Tage, um ein Konzert von Frank Sinatra in Las Vegas zu besuchen. Das wäre heute undenkbar. Wenn überhaupt, würden sich deutsche Nationalspieler zu Helene Fischer stehlen. Hat der Fußball seine Grandezza verloren?
Nicht nur der Fußball. Die Welt an sich hat ihre Freiheit und Ungezwungenheit eingebüßt. In der Ära von Di Stefano tranken und rauchten die Profis, und sie spielten deswegen nicht schlechter Fußball. Auch Romario hat noch die Nächte in den Diskotheken durchgetanzt und danach umso mehr Tore geschossen. Heute ist alles puritanisch, überall prangen Verbote. Wir leben in prüden, in lächerlichen Zeiten.

Sie sagten einmal, dem heutigen Fußball fehle es an »narrativer Kraft«.
Es gibt schlichtweg keine so hohen Erwartungen mehr. Früher spielten nur die Meister der jeweiligen Länder im Europapokal der Landesmeister, ein Spiel wie Madrid gegen Juventus, Bayern gegen Milan oder Barcelona gegen Liverpool war wie ein Geschenk. Solche Spiele fanden nur alle Jubeljahre mal statt. Heute sehen wir diese Partien jede Saison, und wir sehen sie ohne große Unterschiede. Nicht immer, aber meistens verlaufen sie gleich. Diese Spiele haben ihre Einzigartigkeit verloren. In diesem Exzess liegt keine Emotion – und mithin keine narrative Kraft.

Welcher moderne Spieler könnte dennoch eine Figur in einem Ihrer Romane sein?
Ich kann mir Cristiano Ronaldo nur mit einer Superheldenmaske in einem Hollywoodstreifen vorstellen, austauschbar mit all den anderen, um ehrlich zu sein. Ihm fehlt die Tiefe, die Ernsthaftigkeit, ihm fehlt das Pathos. Genauso ist es mit Messi: Ihn sehe ich als Hobbit verkleidet.

Di Stefano sagte, Fußball sei Kunst. Ist Fußball für Cristiano Ronaldo Entertainment?
Ich habe keine Ahnung, was Cristiano über den Fußball denkt. Mir scheint es, als ginge es ihm allein um seine persönliche Karriere. Darum, Rekorde zu brechen. Ich weiß, dass er es liebt zu spielen. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob er den Fußball um seiner selbst willen liebt.

Ronaldo verdient samt Werbeeinnahmen 70 Millionen Euro im Jahr. Ist das zu viel?
Niemand hat zu viel Geld, es sei denn, er hat es gestohlen. Wenn sie es ihm geben, dann aus dem Grund, weil Millionen von Menschen sich vor dem Fernseher versammeln, um ihn spielen und treffen zu sehen. Außerdem scheint ihn das viele Geld nicht daran zu hindern, immer sein Bestes zu geben. Ich glaube nicht, dass es ein Problem ist.