Schriftsteller Javier Marias über seine Liebe zu Real

»Ronaldo ist ein Kind«

Schriftsteller Javier Marias über das Real Madrid der Gegenwart, Mourinho als Trainer und Messi in Hobbit-Verkleidung.

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Spezial 07

Javier Marias, in »Alle unsere frühen Schlachten«, Ihren Erinnerungen an Ihre Jugend als Anhänger von Real Madrid, schreiben Sie, man könne seine Freunde wechseln – aber niemals seinen Verein. Ist Ihre Liebe zu Real Madrid tiefer als die zu den Menschen in Ihrer Umgebung?
Zum Glück haben diese Lieben nichts miteinander zu tun. Die Liebe zu einem Verein ist rein symbolischer Natur, im Unterschied zur Liebe zwischen Menschen. Erstere ist für gewöhnlich dauerhaft und unverrückbar, allein schon weil sie von weit geringerer Intensität ist und unerwidert bleiben muss. Um ehrlich zu sein: Niemand erwartet, dass Real Madrid mich liebt, nicht wahr? Ich glaube sogar, dass dieser Verein nicht einmal weiß, dass ich existiere.

Sind Sie je mit einem anderen Verein fremdgegangen?
Nein, ich glaube nicht. Gut, als Alfredo Di Stefano 1964 von Real Madrid vertrieben wurde, da war ich noch ein Kind, also in der Lage, die Seiten zu wechseln und ihm zu Espanyol zu folgen. Aber diese Begeisterung hielt nicht lange an. Genau genommen ist Espanyol ein Verein von eher geringer Attraktivität.

Haben Sie darüber hinaus je Zuneigung für andere Vereine empfunden, etwa den FC Bayern München?
Der FC Bayern war mir immer unsympathisch. Vielleicht weil er das deutsche Real Madrid sein will und es viele Konflikte zwischen diesen beiden Vereinen gegeben hat. Der FC Bayern der Gegenwart hat sich alle Talente des Landes gesichert, aus diesem Grund langweilt er die Bundesliga. Er ist anmaßend, arrogant, eitel. Das Gleiche kann man auch über das heutige Real Madrid sagen, aber das war nicht immer so.

Sie wuchsen mit dem »Weißen Ballett«, der Mannschaft der späten Fünfziger und frühen Sechziger auf. Es muss ein Leichtes gewesen zu sein, sich in dieses Real Madrid zu verlieben.
Ja, das war geradezu zwangsläufig so. Sonst wäre ich kein Madrilene gewesen. Die Mannschaft um Raymond Kopa, Hector Rial, Alfredo Di Stefano, Ferenc Puskas und Francisco Gento: Das war die beste, die ich je gesehen habe. Eine der beeindruckendsten Erfahrungen meiner Kindheit.

Sie haben »La Decima« samt und sonders miterlebt, alle zehn Triumphe Real Madrids im Europapokal der Landesmeister und in der Champions League. Welcher hat sie am meisten beeindruckt?
»La Quinta«, der fünfte. Das 7:3 gegen Eintracht Frankfurt.

Das Finale von 1960 wird noch immer als eines der größten aller Zeiten angesehen. Erzählen Sie uns bitte davon.
Ich sah es im Fernsehen, in Schwarzweiß natürlich – und hatte mit neun Jahren gerade das richtige Alter erreicht, um das Spiel mit extremer Leidenschaft zu verfolgen. Die Eintracht ging in Führung, das ist in einem Finale ja eigentlich immer vorentscheidend. Doch Madrid spielte einfach wundervoll! Vor einigen Jahren habe ich die Aufzeichnung des Spiels bei meinem Freund, dem deutschen Schriftsteller Paul Ingendaay, noch einmal gesehen: Die Geschwindigkeit erstaunt mich immer wieder, ohne jeglichen Tempoverlust marschierten die Spieler über die gesamten 90 Minuten. Puskas erzielte vier Treffer, Di Stefano drei. Noch dazu diese Kulisse von über 120 000 Zuschauern im Glasgower Hampden Park. Meine Güte!

Was ist für Sie die intensivste Erfahrung: ein Fußballspiel im Radio zu verfolgen, im Fernsehen oder im Stadion?
Am schlimmsten ist es sicherlich am Radio, weil man dort dem Spiel seiner Mannschaft überhaupt nicht helfen kann. Natürlich kann man das auch nicht im Stadion oder vor dem Fernseher, aber da hat man wenigstens die Illusion, helfen zu können.

Bei welcher Partie war Ihr Wunsch zu helfen am dringlichsten?
Ohne Frage beim Finale von 1962, in dem Madrid 3:5 gegen Benfica Lissabon verlor. Dabei lag die Mannschaft ja schon 2:0 in Führung – und trotzdem … Ach! Eine herbe Enttäuschung, ich konnte die jugendliche Ratlosigkeit tagelang nicht abstreifen.

Haben Sie mal wegen einer Niederlage geweint?
Nein, so weit kam es nie. Natürlich konnte mich ein Spiel herunterreißen, für einige Tage wirklich deprimieren. Zum Beispiel das 0:5 gegen Johan Cruijffs Barcelona 1974 oder jenes gegen den AC Mailand mit Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Marco van Basten 1989. Doch wie bereits gesagt: Zum Glück betrifft der Fußball ja nicht unser persönliches, sondern nur das imaginäre Leben.

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