Schiedsrichter Walter Eschweiler im Interview

»Wer da durchkam, wurde amputiert«

Sie sind in über 150 Bundesligaspielen mit fünf Platzverweisen ausgekommen. Nach heutigen Maßstäben ein Witz.
Das würde heute auch noch gehen, man sollte nur nicht zu früh mit den Karten beginnen. So bringen Sie sich doch selbst in Zugzwang.

Können Sie sich an diese fünf Roten Karten noch erinnern?
Auf jeden Fall erinnere ich mich an Rolf Rüssmann, das war im Spiel Schalke bei Fortuna Düsseldorf. Er rief: »Schiedsrichter, du dumme Sau!« Für »dumm« hat er glaube ich vier Wochen, für »Sau« acht Wochen bekommen.

Zwölf Wochen für eine Beleidigung, jetzt übertreiben Sie aber.
Nein, der hat reichlich bekommen, auch wenn es nach dem Einspruch etwas abgemildert wurde. Und der andere, das war der Günter Neues, im Spiel Hamburg gegen Kaiserslautern, auch eine Beleidigung. Klaus Toppmöller meinte noch zu mir, Neues hätte mich nicht gemeint. Ich sagte: »Läuft denn hier sonst noch ein Schwarzer herum?«

Ihr Kollege Bernd Heynemann hat mal gesagt, ein Schiedsrichter brauche vor allem ein schlechtes Gehör.
Da hat er nicht ganz unrecht. Auf dem Fußballplatz wird so einiges gesagt. Man muss sich nicht immer angesprochen fühlen.

Ihre restlichen drei Platzverweise haben Klaus Winkler vom HSV, Günter Sebert von Waldhof Mannheim und sogar schon nach sechs Minuten Manfred Ritschel von Kickers Offenbach ereilt.
Das war im Derby gegen Eintracht Frankfurt. Er war schon in der zweiten Minute verwarnt und zog dann Jürgen Grabowski die Beine weg. Das war so schlimm, dass Nationaltrainer Helmut Schön nach unten kam, weil er dachte, die Beine sind gebrochen. Gott sei Dank war es nicht so.

Die sechziger und siebziger Jahre waren das Zeitalter der ganz harten Jungs in der Bundesliga.
Ja, in Kaiserslautern etwa haben sie nach allem getreten, was sich bewegt hat. Rehhagel, Klimaschewski und wie sie alle hießen musste man schon beim Einlaufen das Passende sagen. Und bei Werder Bremen wussten Sie: Drei Meter vor dem Strafraum standen Höttges und Piontek. Wer da durchkam, wurde amputiert. Aber die waren clever, die haben mit Ball gegrätscht. Das war schwer zu sehen. Beckenbauer hat immer einen ganz großen Bogen um die gemacht, der wusste Bescheid.

Für Walter Frosch führte der DFB extra die Gelbsperre ein.
Nun gut, der Walter wollte mangelndes Spielverständnis und fehlende Technik ausgleichen. Oft visierte er schon in den ersten Minuten die Knochen an, dann habe ich ihm gleich gesagt: »Junge, lass das! Ich sehe es.«

Haben Sie oft mit solch vorbeugenden Maßnahmen gearbeitet?
Ja, das war ganz wichtig. Ich erinnere mich an ein Spiel, da war Uwe Seeler gerade wieder gesund nach langer Verletzung. Und da hatten sie einen jungen Hitzkopf auf ihn angesetzt, dem sagte ich: »Junger Mann, ich kenne Ihre Weisung. Lassen Sie es sein. Es gibt nur Ärger.« Er kam nach dem Spiel und hat sich bei mir bedankt. Das freut natürlich.

Das ist die eine Seite, manchmal hat der Schiedsrichter aber das ganze Stadion gegen sich, was dann?
Ist doch egal. Ich dachte mir nur immer, wie viele nette Leute doch wieder da sind.

Auch wenn die Fans mal wieder die »schwarze Sau« hängen sehen wollten?
Kein Problem. Erstens bin ich kein Fabeltier, zum anderen höre ich das gar nicht. In dem Moment, in dem Sie da zuhören, sind Sie von der konsequenten Linie weg und die Gefahr, Fehler zu machen, ist riesengroß.

Wie haben Sie sich damals auf die Spiele vorbereitet?
Durch Laufen! Mindestens 20 Runden auf der Bahn. Die ersten 300 Meter laufen, dann 50 Meter spurten und die letzten 50 gehen, damit sich der vorolympische Astralkörper erholt.

Kollegen wie Wolf-Dieter Ahlenfelder nahmen das mit der Fitness nicht so genau. Haben Sie auch mal vor dem Anpfiff einen genommen?
Nie. Ich rauche und trinke nicht. Deshalb kann ich zu jeder Dopingkontrolle gehen.

Geschichten wie die von Ahlenfelder, der eine Halbzeit nach 30 Minuten abpfiff, gibt es heute nicht mehr. Thomas Metzen sorgte 2008 für Aufsehen, als er gleichzeitig zwei Gelbe Karten zeigte.
Das ist ja Zirkus, das geht überhaupt nicht. Wir hatten damals ein ähnliches Beispiel. Horst Herden aus Hamburg hatte mal die Karten in den Strümpfen. Der wurde sofort bestraft vom DFB.