Schafft Holstein Kiel noch die Wende?

»Hochtalentiert, aber eine Saufnase«

In Ihrem Song »Englische Wochen« heißt es: »Das alte Stadion am Stadtrand vergessen, das Kapital hat ein Stückweit Tradition gegessen.« Klingt ganz schön traurig für einen Fußballsong.
Die meisten Fußballsongs handeln vom Siegen. Oder davon, wie geil der eigene Verein ist. Ich wollte mal einen Fußballsong übers Scheitern und Leiden machen.

Warum?
Als ich mein neues Album aufnahm, erinnerte ich mich an die Relegation 2015 gegen 1860 München, das vielleicht schlimmste Fußballerlebnis meines Lebens. Als Kind hatte ich nur eine Zweitligasaison mitbekommen, danach immer Dritte oder Vierte Liga. Über drei Jahrzehnte hatten wir auf den Zweitligaaufstieg gehofft –  und diesmal waren wir ganz knapp davor. Wir holten im Hinspiel zu Hause ein 0:0, auswärts führten wir bis zur 78. Minute mit 1:0. Ich klebte mit dem Augen vor dem Fernseher und mit den Ohren in einer Art Telefonkonferenz mit Freunden. Als München ausglich, wurde mir das alles zu viel, mir schossen die Tränen in die Augen, denn ich ahnte, dass die noch ein zweites Tor machen. Ich wollte schreien vor Verzweiflung, aber nebenan schliefen meine Kinder. Also bin ich runter zum Fähranleger, und wenig später, in der 92. Minute, machte 1860 tatsächlich das 2:1. Ich habe beim Fußball nie solche Schmerzen verspürt wie in diesem Moment. Ich schrie meinen Frust so laut heraus, dass man mich vermutlich noch in Brunsbüttel hören konnte. Der Song »Englische Wochen« ist von diesen Erinnerungen inspiriert, aber kein reiner Holstein-Kiel-Song. Es geht um ein altes Fußballgefühl. Um das Leiden. Um Vereine, die auch tragisch aus dem Fußballkarussell gefallen sind: Hessen Kassel, Tasmania Berlin oder Preußen Münster.



Mögen Sie Fußballmusik?
Alte Oi-Punk-Fußballsongs. Cockney Rejects zum Beispiel. Bei Holstein Kiel läuft als Torhymne »Nellie the Elephant« von den Toy Dolls, das geht auch klar. Und, zugegeben: Beim Einlaufsong von Heroes del Silencio bekomme ich Gänsehaut.

Wie hat der Verein auf Ihren Song »Englische Wochen« reagiert?
Positiv. Ich durfte bereits zweimal vor Spielen auftreten. Der Verein teilt meine Songs auf der Facebook-Seite. Das freut mich sehr. Manchmal kommen sogar Spieler zu meinen Auftritten. Patrik Borger, Torwarttrainer und ehemaliger St.Pauli-Profi, war mal da. Er wohnt bei mir um die Ecke, ich treffe ihn häufiger bei Dorffesten.

Verraten Sie uns am Ende noch Ihren KSV-Lieblingsspieler?
Es gibt zwei. Zum ersten ist da Björn Lindemann. Der spielte Mitte der Nullerjahre für uns. Später dann in Lübeck, Osnabrück, Paderbron, Magdeburg und zuletzt jahrelang in Thailand. Der hätte es in die Bundesliga schaffen können, er war hochtalentiert, aber eine Saufnase. Dann ist da noch der beste Spieler, den wir je hatten: Dominick Drexler. Er hat eine wahnsinnige Saison gespielt. Im Hinspiel gegen Wolfsburg hat er den Ausgleich phänomenal vorbereitet. Gesehen?

Nein.
Er dribbelt zwei Gegenspieler an der Grundlinie aus, zieht dann nach innen und passt auf Kingsley Schindler, der einschiebt. Er ist auch ein sehr entspannter Typ, neulich erst habe ich ihn kennengelernt, als ich für Sky interviewt wurde. Scheint sehr auf dem Boden geblieben zu sein. Ich bin gespannt, wo seine Reise noch hingeht.

Und was war Ihr größter Stadionmoment?
2005, Regionalliga, Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf. Damals noch mit meinem Lieblingsspieler Jörg »Ali« Albertz. Nach einer Stunde steht es 1:3. Totaler Frust, totale Erschöpfung, aber dann kommt Ryan Coiner und macht den Anschlusstreffer. Und in der Nachspielzeit schießt er sogar noch das 3:3. Das war ultimative Holstein-Gefühl. Eigentlich waren wir weg vom Fenster, aber wir kamen zurück. Danach: die totale Ekstase unten am Zaun. So rot war mein Kopf nie zuvor.