Schafft Holstein Kiel noch die Wende?

»Gediegen abprollen«

Daniel Geiger, Kieler Punkrocklegende und KSV-Fan seit den Achtzigern, hat alles mitgemacht: Oberliga, Regionalliga, tragische Abstiege, irre Aufstiege. Die Bundesliga reizt ihn aber kaum.

Foto: Frank Peter

Daniel Geiger hieß früher Jack Letten und veröffentlichte mit der Band Smoke Blow ein paar großartige Platten. Heute nennt er sich Erik Cohen. Sein aktuelles Album »III« ist Anfang des Jahres erschienen. Im März 1981 sah er sein erstes Holstein-Kiel-Spiel im Stadion. 

Daniel Geiger, waren Sie am Donnerstag in Wolfsburg?
Ich habe fünf Kinder zu Hause, solche Reisen kann ich nicht mehr machen. Aber ich habe das Spiel natürlich im Fernsehen geschaut.

Geht da noch was im Rückspiel?
Natürlich. Aber selbst wenn wir verlieren sollten, werde ich mit einem Lächeln aus dem Stadion gehen. Es war schließlich eine schöne Saison. Außerdem freue ich mich aufs nächste Jahr. Auf Spiele gegen den HSV, St. Pauli, Köln, Bochum oder Magdeburg. Eine offene und ausgeglichene Liga mit vielen interessanten Vereinen. Eigentlich viel geiler als die Bundesliga.

Sie wollen keine Heimspiele gegen Dortmund oder Bayern sehen?
Der Durchmarsch von der 3. Liga in die Bundesliga wäre natürlich abgefahren. Aber ich befürchte die große Depression danach. Mich interessiert Bundesligafußball auch gar nicht so sehr. Diese ganzen Plastikvereine, das viele Geld, es ist mir zu groß und zu unecht geworden. Auch die Spieler der Champions League schaue ich mir sehr selten an. Steinreiche junge Männer mit bescheuerten Frisuren. Ich finde, Holstein ist ein Zweitligaverein. Ich fühle mich dort jedenfalls ganz wohl.

Früher galt Kiel als Handballstadt. Wie hat sich dieses Bild mit den Fußballerfolgen verschoben?
Handball ist natürlich immer noch sehr groß, der THW spielt ja seit Jahrzehnten auf höchstem Niveau. Mittlerweile bewegt sich der Fußball aber auf Augenhöhe. Das Stadion ist immer gut gefüllt. 

In den Achtzigern sah das noch anders aus.
Absolut. Oft kamen weniger als 3000 Zuschauer zu den Spielen. Auch später in der Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein oder in der Regionalliga Nord war nicht viel los. Da standen wir im Schneeregen mit ein paar hundert Leuten, und waren froh, wenn die Mannschaft sich in der letzten Minute ein 1:1 gegen den TSV Pansdorf oder Nord Harrislee erkämpft hatte.

War der HSV aus dem nahegelegenen Hamburg nie eine Option für Sie?
Mein Fußballinteresse begann Ende der Siebziger. Damals musste man sich zwischen zwei Vereinen entscheiden: HSV oder Bayern.

Und Sie wählten Holstein?
Erst mal war ich HSV-Fan. Ich war sieben oder acht Jahre alt und kannte Holstein gar nicht wirklich. Im Fernsehen sah man nur die Bundesliga. Eines Tages aber merkte ich, dass wir in der Stadt auch einen großen Verein haben. Ich bin dann mal mit einem Freund zum Stadion geradelt, und wenige Tage danach waren wir beim ersten Heimspiel. Wir ahnten noch nicht, dass wir eines der letzten Zweitligapartien für 36 Jahre sahen. Ein Unentschieden gegen Werder Bremen, glaube ich. (21. März 1981: Kiel-Werder 1:1, Torschützen: Bernd Brexendorf und Erwin Kostedde, d. Red.). Seitdem bin ich jedenfalls Fan.


Daniel Geiger aka Erik Cohen aka Jack Letten (Foto: Matthias Hermann / Calcio Culinaria)
 
Was faszinierte Sie damals am Fußball?
Es war eine neue Welt, abenteuerlich und ein bisschen gefährlich. Alles war noch viel lower als heute. Auf den Stufen der Stehplatztribüne wuchsen Hagebuttensträucher. Der Beton war voller Risse. Und im Block standen Außenseiter und schräge Typen, denen du nachts nicht begegnen wolltest. Ich mochte aber immer das Kantige und Knorrige. Die derbe Sprache und die echten Leute. Es war wie eine Sozialstudie. Da der Chirurg neben dem Müllarbeiter. Unten am Zaun die Mods und Hools, die heute Sozialarbeiter sind. Und wenn dein Verein das Siegtor schoss, lagst du dem zahnlosen Kuttenträger in den Armen und verdrücktest ein paar Freudentränen. Geil!

Sind Sie ein Fußballromantiker?
Irgendwie schon. Unser Stadion, Baujahr 1911, finde ich wunderschön. Es ist keine Arena, sondern ein echtes Stadion, man sitzt oder steht ganz eng und nah am Spielfeldrand. Die Haupttribüne gehört zu den ältesten Deutschlands (Einweihung am 28. Juni 1950 bei einem Spiel gegen Schalke, d. Red.). Bei Holstein hatte ich schon oft das Gefühl, das ich auch bei kleinen Punkkonzerten hatte. Du siehst eine Band zum ersten Mal vor 50 Leuten in einem Kellerloch, und du weißt, die Band spielt sich hier für dich und deine Freunde den Arsch ab. So war es auch im Stadion: wild, anarchisch, spontan, intensiv. Das Gegenteil dazu: Zehntausende in der sterilen Color-Line-Arena, wo eine Konsensband auftritt und alles geplant und choreografiert ist, die Ansangen, die Songs, die Reihenfolge. Nichts passiert mehr zufällig. Aber alle gehen hin. Ich mag diesen Herdentrieb nicht. 

In einem alten Interview haben Sie mal gesagt: »Auf St. Pauli komme ich gar nicht klar.« Warum?
Das hat auch etwas mit Herdentrieb zu tun. St. Pauli wurde für mich irgendwann eine Art Modeverein. Vor allem in der Punkszene. Dort haben sich viele Leute automatisch zum FC St. Pauli bekannt, auch wenn sie überhaupt keine Ahnung von dem Verein oder Fußball hatten. Ich mag Hamburg und bin zu vielen Konzerten nach St. Pauli hingefahren. Aber meine Stadt ist Kiel, mein Verein ist die KSV. Auch wenn viele gesagt haben: »Da kannst du nicht hingehen, da sind nur Assis, und politisch sind einige Fans auch nicht korrekt.« Aber gerade diese harte Mischung fand ich spannend.

Sind Fernbeziehungen im Fußball möglich?
Fußball hat für mich immer regionalen Bezug. Bis vor kurzem habe ich unweit des Holstein-Stadions gewohnt. Ich habe die Flutlichter gesehen, wenn ich aus dem Haus ging. Schon das fand ich magisch. Am Spieltag paar Kannen Bier in den Fahrradkorb, die ich mir auf dem Weg zum Spiel reinkippe. Das ist mein Fußball. So bin ich mit Fußball großgeworden. Warum sollte ich mich in den Zug setzen, um ein Heimspiel zu sehen?

Was für ein Fan-Typ sind Sie?
Wenn ich mit meinen Kindern ins Stadion gehe, haben wir Sitzplätze. Aber am liebsten stehe ich. Dann gehöre ich zur Pöbelfraktion. Ein Fußballspiel ist für mich auch Frustbewältigung. Im Stadion muss ich nicht funktionieren, ich muss mich nicht benehmen wie in anderen Bereichen des Lebens. Ich kann ein bisschen asozial sein, ich kann gediegen abprollen. Manchmal wirkt ein Spiel wie eine Ganzkörpermassage. Nach einem Spiel ist mein Kopf oft knallrot, weil ich mich so verausgabt und geschrien habe. Es fühlt sich herrlich an.