Sahr Senesie über seinen Bruder Antonio Rüdiger

»Pass auf deinen Bruder auf«

Was haben sich Ihre Eltern für Sie erhofft?
Meine Mutter versuchte, alles Schlechte von uns fernzuhalten. Vor allem hoffte sie, dass wir Abitur machen (beide Brüder haben das Fach-Abi gemacht, d. Red.). Wenn wir schlechte Schulnoten mit nach Hause brachten oder abends mit merkwürdigen Leuten um die Blocks zogen, verbot sie uns Fußball. Sie fand es sehr wichtig, dass wir ausreichend schlafen. Als Toni schließlich sagte, dass er so wie ich Fußballprofi werden wollte, sagte sie zu mir: »Pass auf deinen Bruder auf. Wenn es schiefgeht, mache ich dich dafür verantwortlich!«
 
Warum?
Meine Karriere war okay. Aber sie hätte besser sein können. Ich hatte mich zu wenig auf Fußball konzentriert und mich zu oft mit falschen Freunden und Beratern umgeben. Meine Mutter hatte Sorge, dass es bei Toni ähnlich läuft.
 
Sind Sie deshalb mit Ihrem Bruder nach Stuttgart gezogen?
Eines Tages unterschrieb Toni einen Vertrag beim VfB. Meine Mutter fragte mich: »Sahr, was steht in diesem Vertrag?« Ich konnte ihr keine Antwort geben, denn ich hatte den Vertrag nie gelesen. Von diesem Tag an war klar: Ich muss mich mehr um meinen Bruder kümmern. Also wurde ich offiziell sein Berater. Danach schraubte ich meine eigene Karriere zurück und wechselte in die Regionalliga nach Großaspach, und wir zogen in eine gemeinsame Wohnung nach Winnenden, 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart.


Antonio Rüdiger spielt seit 2015 beim AS Rom. Vergangene Saison wurde das Team Zweiter in der Serie A. (Bild: Sebastian Wells)
 
Wie ist Antonio als Mitbewohner?
Sehr sauber. Er hat einen regelrechten Putzfimmel. Allerdings mussten wir uns am Anfang neu kennenlernen. Er war nicht mehr der Toni aus Neukölln.
 
Was meinen Sie?
Als ich 2013 mit ihm zusammenzog, war er ruhiger geworden. Vielleicht auch introvertierter und misstrauischer. Bis heute ist es so, dass er erst einmal prüft, wer ihm gegenüber sitzt. Und wer es gut mit ihm meint. Wir saßen oft gemeinsam in der Wohnung und sprachen stundenlang sehr wenig miteinander. Er starrte auf sein Handy, ich las oder schaute Fernsehen. Manchmal dachte ich: »Mensch, Toni. Ich bin’s doch, Sahr, dein Bruder. Du kannst mit mir reden.« Aber er blieb wortkarg.
 
Wie haben Sie ihn geknackt?
Nach einer Niederlage. Er kam nach Hause und war ziemlich enttäuscht. Ich habe mich neben ihn gesetzt, ihn aufgebaut und das Spiel analysiert. Danach blickte er mich an und sagte: »Sahr, du hast Recht. Das war super.« Es war ein guter Moment.
 
Haben Sie überlegt, mit ihm nach Rom zu ziehen?
Nein. Toni ist älter und selbständiger, er schafft das ohne mich. Außerdem habe ich mittlerweile meine Berateragentur in Trier. Aber natürlich verfolge ich seine Spiele.
 
Ist seine Mutter oft bei ihm?
Sie war am Tag des Champions-League-Spiels gegen den FC Barcelona in Rom.
 
Antonio erzählte uns, das sei sein bestes Spiel gewesen.
Stimmt. Meine Mutter war aber an jenem Abend nicht im Stadion, sondern im Vatikan. Das war schon immer ihr großer Traum gewesen. Und vielleicht hat es Toni etwas gebracht.

In 11FREUNDE #188 findet ihr unsere Reportage »Der Löwe von der Sonnenallee« – Wie es Antonio Rüdiger aus Neukölln bis nach Rom schaffte. Jetzt am Kiosk, bei uns im Shop und digital im iTunes- sowie Google-Play-Store.