Ronald Reng über seinen Freund Robert Enke


»Ich hätte gerne Roberts Meinung gehört«


Ronald Reng schrieb die Biographie von Robert Enke – und war einer seiner engsten Freunde. Zehn Jahre nach Enkes Tod erzählt Reng vom Leben mit und ohne den Nationaltorhüter.



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Ronald Reng, gibt es eine für Sie besonders wichtige Erinnerung an Robert Enke?

Ja, die gibt es. Wobei auch in alltäglichen Situationen ganz unterschiedliche Gedanken an ihn immer wieder auftauchen. Zum Beispiel, wenn ich ein Fußballspiel schaue und die Torhüter in Eins-gegen-Eins-Duellen beobachte. Mittlerweile gehört es zum festen Repertoire eines jeden Keepers, ein Knie so zu beugen, dass er keinen Beinschuss kassieren kann. Robert war der erste Torhüter, der diese recht schwierige Körperhaltung für sich genutzt hat. Die ist ja nicht ohne Risiko, weil sie das Abspringen erschwert. Aber trotzdem machen es heutzutage fast alle Keeper – und Robert hat diese Technik erfunden. Wenn ich einen jungen Keeper im Spiel sehe, der sein Knie so beugt, denke ich mit einem Lächeln an ihn. Nach dem Motto: »Mensch Robbie, wenn du wüsstest, dass du ein Trendsetter warst!«



Und die prägende Erinnerung?

Robert in Teneriffa, am Hafen. Die Zeit bei CD Teneriffa galt in der öffentlichen Wahrnehmung ja als sein absoluter Tiefpunkt, ein kleiner Verein in der zweiten spanische Liga. Aber ihm persönlich ging es dort sehr gut. Er war voller Kraft und Lebensfreude, weil er gerade eine Depression überstanden hatte. Ich habe ihn im Frühling 2004 eine Woche lang besucht, er lebte dort alleine, seine Frau Teresa war schwanger und in Barcelona geblieben. In der Woche sind wir oft einfach durch die Stadt gezogen – und haben uns dann auf eine Hafenmauer gesetzt. Wir saßen dort und schauten den Schiffen und Hafenarbeitern zu. Wir saßen einfach da, ganz still. Aber er strahlte auch ohne viele Worte eine große Lebensfreude aus. Das Bild, wie er dort sitzt, habe ich oft vor Augen. 



Wenn heute Journalisten bei Ihnen anrufen, geht es in der Regel um Enkes Depressionen und seinen Tod…

… andere Menschen denken beim Namen Robert Enke an den Mann, den die Depressionen getötet haben. Aber ich habe viele Jahre mit ihm verbracht und die meisten davon war er gesund. Deswegen ist es für mich, abseits von den Tagen rund um seinen Todestag, kein Problem, an die guten und schönen Zeiten zu denken. Und selbst über das Negative fällt es mir jetzt, nach zehn Jahren, deutlich leichter zu sprechen. Es schmerzt nicht mehr so wie am Anfang. Wenn ich in den Jahren direkt nach dem Tod auf ihn angesprochen wurde, war da stets auch der niederschmetternde Gedanke an seine Abwesenheit. Dieser Gedanke kam automatisch auf. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass Robert nicht mehr da ist. Das macht das Reden über ihn weniger dramatisch. 



Haben Sie Angst, dass die Erinnerungen an ihn langsam verblassen könnten? Dass Sie irgendwann nicht mehr wissen, wie seine Stimme klang?

Nein, überhaupt nicht. Denn genau das Gegenteil ist der Fall. Sein Tod hat meine Erinnerungen an ihn geschärft. Ich würde behaupten, von all meinen Freunden ist Robert der, von dem ich die klarsten Bilder im Kopf habe. Ich kann ihnen bestimmte Einzelheiten aus unserer gemeinsamen Zeit sehr genau beschreiben. 

Sehr gerne. 
Zum Beispiel die Art, wie wir uns begrüßt haben. Er war – abgesehen von meiner Frau – der erste Mensch, der mich zur Begrüßung in die Arme nahm. Das machte man damals, 2003, vor allem unter Männern in Deutschland nicht. Da wurde sich irgendwie cool abgeklatscht. Aber Robert brachte diese Herzlichkeit aus Lissabon mit, wo es für ihn normal geworden war. Und ich glaube zumindest, immer noch die Wärme zu spüren, die in seinen Umarmungen lag. Abgesehen von diesem Gefühl gibt es unzählige Szenen, die ich wortwörtlich nacherzählen könnte. Wie er gelacht hat. Aber auch, wie er reagiert hat, wenn wir uns miteinander stritten.