Rekordabsteiger Jürgen Rynio über große Niederlagen

Bei 96 war ich zweiter Torhüter, Torwarttrainer, Co-Trainer, Pressesprecher und Manager

Über Rot-Weiss Essen ging es 1976 zum FC St. Pauli, mit dem Sie in die Bundesliga aufstiegen. Um anschließend direkt wieder abzusteigen. 
Uns hat dort das Geld für ordentliche Verstärkungen gefehlt. Zudem waren mit Walter Frosch und Manfred Mannebach zwei Leistungsträger lange verletzt. Aber entscheidend war etwas anderes.

Nämlich?
Um mehr Zuschauereinnahmen zu erzielen, trugen wir die großen Spiele im Volkspark aus, wo wir aber nie etwas holten. Am Millerntor, in diesem kleinen, engen Hexenkessel, waren wir ungeschlagen. Hätten wir alle Heimspiele dort ausgetragen, hätten wir die Klasse halten können. Diese Entscheidung hat letzten Endes sogar die Deutsche Meisterschaft entschieden.

Wie das?
Am letzten Spieltag der Saison 1977/78 kam Tabellenführer Köln zu uns, parallel spielte Gladbach, der punktgleiche Zweite, gegen Dortmund. Um noch Meister zu werden, brauchte Gladbach ein hohes Ergebnis und schlug Dortmund schließlich auch mit dem legendären 12:0. Die Kölner besiegten uns aber zeitgleich mit 5:0 und wurden mit zwei Toren Differenz denkbar knapp Meister. Sie konnten dieses Ergebnis aber nur durch einen Trick erzielen.

Durch welchen?
Die Kölner bestellten 15.000 Auswärtskarten, weswegen wir das Spiel in den Volkspark verlegen mussten. Dann nahmen sie aber nur 2000 Karten davon in Anspruch und wir spielten im ungeliebten Volksparkstadion quasi vor leeren Rängen. Ich bin mir sicher, dass das Ergebnis am Millerntor anders ausgefallen wäre. Für diesen Kniff sind die Kölner im Nachhinein vom DFB auch noch bestraft worden.



Für St. Pauli ging es wieder in die Zweite Liga.
Aber immerhin hatten wir in dieser Saison das Derby gegen den HSV gewonnen. Eine Hamburger Zeitung tippte 7:0 gegen uns, den Artikel hängte unser Trainer Diethelm Ferner wortlos in der Kabine auf. Mehr Motivation ging nicht – wir schlugen den HSV mit 2:0! Eine unglaubliche Party folgte, die Fans stürmten unsere Kabine, erwachsene Männer weinten hemmungslos und wir feierten eine ganze Woche durch.

Eine Entschädigung für den Abstieg?
Vielleicht. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass uns die Fans den Abstieg übel nahmen. Wir aus dem Team trafen uns abends in unserer Stamm-Disco »Na Nü«, wo wir oft nach den Spielen waren, weil wir da unsere Musik spielen konnten. Auch an dem Abend, an dem der Abstieg feststand, hatten wir dort eine kleine Zusammenkunft. Ein Abgesang sozusagen. Mit der Truppe von damals treffen wir uns übrigens immer noch einmal im Jahr. Allerdings nicht mehr im »Na Nü« (lacht).

Sie wechselten anschließend zu Hannover 96, wo 1986 Ihr vielleicht skurrilster Abstieg folgte.
Bei 96 in der Zweiten Liga war ich zweiter Torhüter, Torwarttrainer, Co-Trainer, Pressesprecher und Manager in einer Person. Vom Büro ging es auf den Trainingsplatz, von da in die Pressekonferenz und anschließend wieder zurück ins Büro. Dann sind wir überraschend aufgestiegen und obwohl mir die Kaderzusammenstellung in der Zweiten Liga gut gelungen war, traute ich mir die Aufgabe als Bundesliga-Manager nicht zu. Also habe ich den Managervertrag gekündigt, blieb als zweiter Keeper und machte nebenher meinen Trainerschein.

Sie schafften schließlich das Kunststück, als Manager auf- und als Spieler abzusteigen.
Das ich tatsächlich noch einmal spielen würde, war nicht geplant. Zwischendurch war ich ja sogar schon Interimstrainer gewesen, als Werner Biskup im November 1985 entlassen worden war. Zwei Wochen vor Saisonende verletzte sich unser Stammkeeper Ralf »Ralle« Rapps. Da war klar, dass ich noch mal ran musste. Also hatte ich eine Woche Zeit, um mich auf die Bayern vorzubereiten.

Ein bisschen wenig.
Ja, ich hatte anderthalb Jahre nicht mehr gespielt und die Bayern schenkten mir fünf Stück ein. Die Woche drauf verloren wir in Stuttgart mit 0:7, Michael Nushöhr verwandelte drei Elfmeter gegen mich. Ein weiterer Rekord (lacht).

Frage an den Experten: Was raten Sie den Spielern, die es am Wochenende erwischen wird?
Weitermachen, nach vorne gucken, alles andere bringt nichts. Es gibt Schlimmeres als den Abstieg aus der Bundesliga. Auch wenn es schwer fällt, das in dem Moment zu glauben.