Real-Legende Raymond Kopa im Interview

»Lauf! Mach sie fertig Kopita!«

Das Real Madrid der fünfziger Jahre – ein Mythos. Doch wie war es wirklich im Weißen Ballett? Fragen wir einen, der mitgetanzt hat: Raymond Kopa.

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Spezial 07

Monsieur Kopa, wären Sie heutzutage gern Fußballprofi?

Wegen des Geldes, meinen Sie? Nein, keineswegs. Ich bin hochzufrieden mit dem, was ich verdient habe. Viel war es zwar nicht, gemessen an dem, was Fußballer heute verdienen. Zumal solche, die – mit Verlaub – nicht das Gleiche zu leisten imstande sind wie wir damals. Aber das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern. Das Seltsame ist nur: Ich habe trotzdem Neid zu spüren bekommen, weil die Anhänger von Stade Reims der Ansicht waren, dass die 52 Millionen Francs Ablöse, die Real Madrid 1956 für mich gezahlt hatte, in meine Tasche geflossen sei. Schön wär’s gewesen!


Vielleicht waren die Leute nicht gut auf Sie zu sprechen, weil Sie bei dem Klub unterschrieben hatten, gegen den Stade Reims wenige Tage später im ersten Europapokalfinale antreten sollte.


Mein Gott, was sollte ich denn machen? Ich wusste einfach, dass ich zu Real Madrid wechseln musste, eine unwiderstehliche Kraft zog mich dorthin. Ich wollte an der Spitze stehen, und Real Madrid gehörte die Zukunft. Aber glauben Sie ernsthaft, ich hätte den Madrilenen im Endspiel 1956 etwas geschenkt? Gucken Sie sich doch mal den Spielverlauf an: Wir führten 2:0. Doch Alfredo Di Stefano war nicht zu stoppen, er bog das Resultat fast allein zu seinen Gunsten um, ein wahrer Herkulesakt. Am Ende hieß es 4:3 für Madrid. Es war die Geburtsstunde der größten Mannschaft in der Geschichte des Fußballs.


Auch Stade Reims zählte damals zu den europäischen Top-Adressen. Und das, obwohl die Champagne traditionell nicht gerade eine Fußballhochburg ist.


Die Verantwortlichen hatten einfach ein gutes Gespür dafür, wie man einen Verein organisiert. Sie waren keine ehemaligen Fußballer, die zum Zeitvertreib nach ihrer Karriere ein Pöstchen bekleideten, wie es anderswo der Fall war. Nein, sie waren Geschäftsleute, und sie haben auch den Fußball als Geschäft betrachtet. Eine Sichtweise, mit der sie ihrer Zeit weit voraus waren. Allen voran muss ich Henri Germain nennen, den Besitzer der gleichnamigen Champagnermarke. Er war ein Visionär. Er hat nicht nur aufs Tagesgeschäft geschaut, sondern sich immer gefragt: Wo wollen wir in einem Jahr sein, in fünf, in zehn? Er legte viel Wert auf die Jugendarbeit und auf die zweite Mannschaft als Reservoir für die erste. So formte er aus einem belächelten Provinzklub den alles dominierenden Klub im französischen Fußball der fünfziger Jahre.



Stade Reims holte in jenen Jahren sechs Meistertitel, bildete den Kern der Nationalmannschaft, die bei der WM 1958 in Schweden Dritter wurde, und drang zwei Mal ins Europapokalfinale vor. Ihr Trainer hieß Albert Batteux.

Batteux, oh ja! Er war der beste Trainer seiner Zeit, zumal für Stade Reims. Er war dort selbst jahrelang Spieler gewesen und kannte die Philosophie des Vereins wie kein anderer. Mit jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs ließ er rasanten Offensivfußball spielen, viele von ihnen wurden zu Stars des europäischen Fußballs: Prouff, Leblond, Appel, Méano, Templin, Zimny, Cicci oder Bliard, um nur einige zu nennen.



 Was hat er Sie gelehrt?


Dass man aus seinen Fehlern lernen muss, um sich stetig zu verbessern. Wissen Sie, mit seiner Kritik nach einem Spiel fing er stets bei mir an, und er ging sehr hart mit mir ins Gericht. Da wussten die anderen: Wenn er unserem besten Mann die Fehler so klar aufzeigt, können wir bestimmt nicht alles richtig gemacht haben. Zugleich schaffte er es aber, dass wir an unsere eigene Stärke glaubten, an unser Potential. Wir wollten es in Zukunft besser machen, auch ihm zuliebe. Meine Güte, Batteux: Welch ein Charismatiker!
 

Batteux war auch Ihr Trainer beim 2:1 Frankreichs in Spanien 1955. Im Estadio Bernabeu wurden Sie nach dem Spiel auf Händen getragen – von Anhängern des Gastgebers.

Junge, das war was! Ich denke, dass dieses Spiel den Ausschlag für meinen Wechsel nach Madrid gegeben hat.
 

Auch der AC Mailand soll an Ihnen interessiert gewesen sein.

Ja, tatsächlich. Die Madrilenen haben mich persönlich kontaktiert, die Mailander hingegen meine Frau Christiane.
Christiane Kopa: Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag. Ich traf die italienischen Herren in Paris am Gare de l’Est. Sie erzählten mir, wie wohl ich mich in Mailand fühlen würde, der Modehauptstadt der Welt. Mich reizte es durchaus, dort zu leben, aber es ging ja nicht um mich, es ging um Raymond.
Und ich wollte zu Real Madrid! Und da gab es ja auch schöne Boutiquen, nicht wahr, Liebling?


Christiane Kopa: Ja, das stimmt.


Außerdem hatte Alfredo Di Stefano ein starkes Zeichen gesetzt. Damals durften die Klubs in Spanien nur drei Ausländer im Kader haben. Drei waren schon da: Roque Olsen, Hector Rial und er selbst, allesamt gebürtige Argentinier. Don Alfredo hat sich dann einbürgern lassen, um Platz für mich zu machen.