Ralph Hasenhüttl über Ingolstadts Aufstiegsträume

»30 Auswärtsfans müssen auch mal reichen«

Für unsere große Heft-Reportage über den FC Ingolstadt trafen wir auch Trainer Ralph Hasenhüttl. Ein Gespräch über den Einfluss von Audi, fehlende Fans und einen »supercleveren Burschen«.

Bild: Basti Arlt
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Ralph Hasenhüttl, seit Ihrer Amtsübernahme im Herbst 2013 haben Sie den FC Ingolstadt 04 vom letzten Tabellenplatz der zweiten Liga zum Aufstiegsaspiranten gemacht. Wie ist Ihnen das gelungen?
Es stimmt, der Mannschaft ist mit mir als neuem Trainer gelungen, Euphorie entstehen zu lassen. Als ich nach Ingolstadt kam, sagten die Leute: »Ralph, das wird nicht einfach.« Und vorher in Aalen hat es geheißen: »Nicht geschimpft, ist schon genug gelobt«.

Und Sie haben in diesem Umfeld dennoch Begeisterung geschürt.
Ich gehe auf die Menschen zu. Von Beginn an habe ich mit allen hier ausführliche Gespräche geführt. Mit dem Vorstand genauso wie mit den Leuten, die beim Training zuschauen. Wenn man eine Situation noch nicht kennt, bringt einen jedes Gespräch weiter.

Was für ein Team haben Sie im Herbst 2013 vorgefunden?
Die Verunsicherung hatte ich schon vorher gesehen, als ich zwei Spiele von der Tribüne aus verfolgte. Die Mannschaft war damals mit dem Vorsatz in die Saison gegangen, dominanten Fußball zu spielen. Es sollte einfach viel besser als im Vorjahr laufen. Doch nach neun Spielen mit nur einem Sieg war der Kredit aufgebraucht. Die Stimmung im Stadion war Wahnsinn.

Im negativen Sinne.
Die Zuschauer, die noch kamen, waren schnell am schimpfen. Nicht schön.

Wie müssen wir uns Ihre ersten Tage vorstellen?
Ähnlich wie damals in Aalen. Als ich dorthin kam, hieß es, der Verein würde vom Publikum nicht angenommen, weil er eine Fusion aus anderen Klubs sei. Niemand könne sich so recht identifizieren. Da habe ich geantwortet: »Was, bitte, habe ich damit zu tun? Wir brauchen jetzt jeden Einzelnen von euch, wenn wir etwas Gutes machen wollen.«

Und der Funke sprang über?
Dort ja, hier ebenfalls. Es ist nicht allein entscheidend, wie wir Fußball spielen. Ein Team muss auch abseits des Platzes vernünftig mit den Menschen umgehen, dann wird es auch Unterstützung erfahren.

Aber allein mit freundlicher Konversation führt ein Trainer kein Team auf einen Aufstiegsplatz zur Bundesliga.
Natürlich nicht. Das Ergebnis ist das Allerwichtigste, es gibt keinen Ersatz für Siege. Wenn das Spiel dann auch noch schön anzusehen ist, umso besser. Für mich war das am Anfang gar nicht so einfach: Mein Co-Trainer, Michael Henke, hatte sein Spiel in Bochum mit 1:0 gewonnen, dann kam ich und verlor erst einmal gegen Fortuna Düsseldorf. Da stehst du gleich unter Druck. Mit dem Klub habe ich mich vertraglich so verständigt: Wenn ich die Mannschaft in der Liga halte, habe ich es verdient zu bleiben. Schaffe ich es nicht, gehe ich und wir verbuchen das Ganze unter dem Attribut »Missverständnis«.

Sie haben dann bald einen Dreijahresvertrag unterschrieben.
Wir haben schnell gemerkt, dass es passt! Die Spieler konnten gleich mit mir, und umgekehrt auch. Das war entscheidend: Sie haben meine Philosophie übernommen, auch die Art, mit Menschen umzugehen. Darüber hinaus haben sie schnell die Erfahrung machen können, dass unser Spielstil die Wahrscheinlichkeit auf Erfolge erhöht.

Gegenwärtig liegt der Aufstieg mit den »Schanzern« durchaus im Bereich des Möglichen. Geht das so weiter?
Nichts ist älter als das Spiel von gestern und nichts ist weiter weg als das übernächste Spiel. Fußball ist nur Momentaufnahme. Okay, ich zahle ins Phrasenschwein. (Lacht.) Ich habe aber nicht das Gefühl, dass wir irgendwas gewonnen hätten und es daher ausrollen lassen, nur weil wir vorne stehen. Es kommen jetzt auch Kampfansagen von den Teams hinter uns. Aber wer glaubt, dass uns das nervös macht, der kennt uns schlecht. Ich kann versprechen: Selbst wenn wir irgendwann den Atem der anderen spüren, werden wir unseren Weg unbeeindruckt weitergehen. Momentan wird der Vorsprung allerdings eher größer.

Das Team ist mit einem Sieg in die Rückrunde gestartet. Die Stimmung ist gut, oder?
Besser geht es kaum. Im Trainingslager in Marbella konnten wir in Ruhe arbeiten und die neuen Spieler integrieren. Wir haben die Abgeschiedenheit genossen, es war nur ein halber Journalist dabei.

Ein halber Journalist?
Der Kollege vom »Donaukurier« war eine halbe Woche bei uns. Das war’s. Wir fliegen offenbar immer noch ein wenig unterhalb des Radars. Für die Beliebtheitswerte des Klubs ist das vielleicht nicht so gut, aber für die sportliche Entwicklung ist es perfekt.


Sie kennen das ja schon: Ihr Werdegang als Fußballer und Trainer hat Sie nur selten zu großen Klubs geführt.
Ich gebe zu, der größte Klub, für den gespielt habe, war der 1.FC Köln. Beim FC Bayern habe ich in der zweiten Mannschaft gekickt. Da habe ich die Zuschauer meist nur von hinten gesehen, weil sie den Profis auf dem anderen Platz zuschauten.

Ihre Bilanz als Trainer…
...besteht nur in sogenannten »Provinzvereinen«, die keine großen Erfolge vorweisen können. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber das bringt auch Vorteile mit sich.

Die da wären?
Beim VfR Aalen haben wir mit dem Zweitligaaufstieg Geschichte geschrieben. Da kann dann keiner kommen und einem erzählen: Früher war alles besser. Und ohne unbescheiden klingen zu wollen: In Ingolstadt sieht es momentan ähnlich aus.

Fehlt Ihnen manchmal die Euphorie wie in Köln?
Natürlich ist es etwas anderes, ob man vor 3000 oder vor 30 Zuschauern trainiert. Trotzdem darf es für einen Spieler keinen Unterschied ausmachen. 30 Fans beim Auswärtsspiel müssen auch mal reichen, damit wir uns den Arsch aufreißen, wobei wir zuletzt in Fürth zum Beispiel 1500 mit toller Choreo dabei hatten. Und wie schnell sich das entwickeln kann, sieht man gegenwärtig in Augsburg. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mit der Zweiten des FC Bayern dort vor 1400 Zuschauern gespielt habe.