Rainald Grebe über Guardiola, Union Berlin und Ultras

»Der Fußballfan bietet sich an«

Sie halten sich oft in Berlin auf. Waren Sie schon mal bei einem Hertha-Spiel?
Ja, aber das ist lange her. Ich glaube, es war 1993. Bei einem Studentenjob wurde ich als Ordner eingesetzt und saß mit orangefarbenen Leibchen zwischen den Hertha-Fans.

Hat es Ihnen gefallen?
Es war furchtbar und trist, ich war erschüttert. Es waren kaum Zuschauer da und als ein gegnerischer Spieler liegen blieb, hallten »Jude! Jude!«-Rufe durchs Stadion. Seitdem war ich nicht mehr dort.

Diese Töne sind verschwunden. Was blieb, ist, dass die Hertha bis heute um Zuspruch kämpft. Wie kann es sein, dass Sie es schaffen, die komplette Wuhlheide auszuverkaufen, die Hertha aber nicht das Olympiastadion?
Hm, eine schwierige Frage. Der Hertha fehlt es an Identifikationsfiguren. In der großen Zeit gab es einen Jürgen Röber, einen Mann, den man sich merkte. Da herrschte auch Euphorie, oder?

Nur kurz.
Ein Phänomen, das sind die anderen, Union Berlin. Die begleitet durch ihre Fans ein Mythos, ein Arbeiterimage, das klingt schön. Das hat die Hertha irgendwie nicht hinbekommen.

Kennen Sie Hertha-Fans?
Nein.

Am 20. Juni werden Sie in der Wuhlheide auftreten, einem stadionähnlichen Amphitheater in Berlin. Sie versprechen Stadiongesänge.
Ich habe schon zwei ähnliche Projekte gemacht, die sich mit Volksmusik beschäftigten. Bei einem traf ich mich mit dem Capo der Hamburger Ultras. Ich hatte gefragt, ob ich die Ultras aus der Nähe angucken dürfte.

Wie war es?
Ich stand da und notierte jedes einzelne Lied mit, das gesungen wurde. Die Liste blieb kurz, nur fünf, sechs Lieder vielleicht. Das war ermüdend. Der Capo besuchte anschließend aber unsere Aufführung im Theater, weil er dort in einem Video selbst zu sehen war. So kamen die Lieder von der Kurve auf die Bühne.

Finden Sie »Schalalalalalala« aufregend?
Ich unternehme mit meinem Programm eine Reise durch den Begriff »Volksmusik«. Leider gibt es in Deutschland keine Kultur der Volkslieder mehr. Was ist das heute? Wo wird noch gesungen? Im Stadion zum Beispiel. So alt ist die Ultra-Bewegung ja noch nicht, und ich finde es gut, dass es Gruppen gibt, in denen relativ spontan Lieder entstehen. Oder auch das Weihnachtssingen bei Union Berlin: Da war ich im Dezember und ich fand die Atmosphäre gigantisch. Die Gesangbücher und dieser Schlachtruf »Eisern Union!«, einfach stark.

Sie meinen, dass Fangesänge Teil der Volksmusik sind?
Da muss ich etwas ausholen: Ein Teil der Volkslieder in Deutschland kam nicht vom Volk, sondern von irgendwelchen Dichtern, die festlegten: Das sind jetzt Volkslieder. Ich suche aber nach Musik vom einfachen Volk. Da bietet sich der Fußballfan an. Der singt, was er will.

Ganz richtig ist das nicht: Meistens diktiert einer die Lieder, der Rest stimmt ein.
Der Hamburger Capo erzählte mir, dass es so etwas wie eine Lied-AG gebe. Dort sammeln sie Ideen für Lieder, reagieren auf Ereignisse der Woche, reichen Zettel mit Texten rum und üben. Ist doch toll!

Gefällt es Ihnen, sich damit auseinanderzusetzen?
Ja, es gibt Bücher darüber, in denen Musikwissenschaftler mit Musiknoten nach den Ursprüngen der Fangesänge suchen. Da ergeben sich ganz neue Parallelen, zum Kirchengesang zum Beispiel. Oder das klassische Stadion-Klatschen »Tam, Tam, Tamtamtam, tatatata tatam«, das kommt aus der Popmusik. Spannend.  

Ihr eigenes Konzert kündigen Sie mit »Die Ultras lassen grüßen« an. Gibt es Reinald-Grebe-Ultras?
Ich hab mal einen gesehen, der sich meinen Namen eintätowiert hatte. Da war ich erschrocken. Außerdem gibt es ein paar Leute, die bei vielen meiner Auftritte sind. Die Allesfahrer würden Sie wahrscheinlich sagen.

Genau! Trennen Sie ihr Publikum? Sitzen in der Mitte die Kaviar-Leute, und links außen pöbeln die Stehplatz-Fans?
Es gibt freie Platzwahl, alle sind gleich. Ich möchte die Leute blockweise ansprechen, sie zum Singen animieren, so wie im Stadion. Hertha-Fans gegen Unioner: Das hätte doch was.