Rainald Grebe über Guardiola, Union Berlin und Ultras

«Wie eine Blase, die nie platzt»

Fans romantisieren gerne, dass Spieler für sie kämpfen sollen. Glauben Sie daran?
Das Gegenteil passiert: Kevin-Prince Boateng hat man auf Schalke suspendiert, weil er angeblich absichtlich schlecht gespielt habe, um zu zeigen, wie wichtig er sein könnte. Die eigene Situation ist wichtig, nicht der Fan. 

Für wen kämpfen Fußballer überhaupt?
Es ist doch klar: Geliebt werden wollen sie ja doch. Gucken Sie sich Thomas Müller an, der mit dem Megaphon auf dem Zaun Lieder anstimmt. Wenn sich Fans von Spielern abwenden, läuft irgendetwas falsch.

Müssen Sie um ihre Fans kämpfen?
Es ist kein Kampf, was ich veranstalte, ich möchte immer ein Fest feiern. Zusammen mit den Zuschauern.

Schon mal ausgepfiffen worden?
Ja, das war nicht schön. Erst dachte ich: Was ist denn los? Läuft aber anders heute, liegt das an mir? Ich versuchte, freundlicher zu sein, was auch in die Hose ging, und dann dachte ich: Ok, heute eben nicht.

Mussten Sie das lernen?
Da gibt es nichts zu lernen. Einmal beschwerte sich in der Pause jemand bei der Organisatorin über mein Programm und fragte, wer ich denn eigentlich sei. Das war zu Beginn meiner Bühnenzeit. Die Frau antwortete ihm, dass ich schon mal einen Preis gewonnen hätte, woraufhin der erboste Zuschauer nur entgegnete: Das glaube ich nicht.

Klingt nach einem schwierigen Start.
Oder einer, der zu mir meinte, dass er in dieser Halle die Rohre verlegt habe und deshalb ein Recht darauf besitzt, zu entscheiden, wer hier spielt. Ich gehörte für ihn nicht dazu.

Wie im Stadion: »Ich hab’ Eintritt gezahlt und möchte jetzt bitte etwas zu sehen bekommen!« 
Am Theater spielen manche Regisseure damit: Flüchtende Zuschauer gelten als Beweis für polarisierende und krasse Kunst. Mir geht es aber darum, mein Publikum zu unterhalten. Wenn das nicht stattfindet, bin ich traurig.

Manche Intellektuelle und Künstler empfinden den Fußball als Sport der Proleten, rau, gefährlich und nicht schön, andere sehen in ihm viele Facetten der Kultur widergespiegelt. Sie?
Ach, ich weiß nicht: Die meisten Künstler finden Fußball doch geil. Glaube ich zumindest. Schauen Sie mich an: Ich war in meinem Leben nicht so oft im Stadion, bin aber auch begeistert. Von den Fans und der Stimmung.  Und ich lese einiges dazu. 

Man könnte auch sagen: Sie benutzen die Stadionkultur.
Ich nehme sie und ziehe sie auf die Bühne.

Schon vor vier Jahren beschrieben Sie Fußballer als Künstler für sich, jeder unter seiner eigenen Glocke. Ein schöner Vergleich. Auf welche Generation Fußballer blicken Sie gerade?
Ich glaube, dass durch die uniforme Nachwuchsausbildung wenig Raum für Individualität bleibt. Deswegen findet man Thomas Müller auch kultig, weil er so krude Laufwege hat. Und warum? Weil der Rest getuned ist. Am Theater suchen sich Regisseure Schauspieler mit Scheiterwegen, Leute mit Persönlichkeit. Das haben junge Fußballer nicht.

Auch typisch für diese Generation: Sie geben zwar kaum Interviews, nutzen aber Instagram mit Millionen Followern, um sich als Figur zu inszenieren.
Es ist doch krass, wie abgewichst die mit 19 Jahren schon sprechen können. Das kann nicht gut gehen. Ich sehe gerade das Gesicht von Eike Immel vor mir: Wie fertig der ist! Alles verzockt, alles verjubelt, viel zu früh mit Millionen überschüttet. Absolut unwirklich, diese Welt.   

Ist der Fußball zu wichtig geworden?
Vor 30 Jahren war er auch wichtig, aber nur am Samstag. Als eine der wenigen Sportarten explodierte er nach der Wiedervereinigung. »Wetten, dass?« gibt es nicht mehr, auch Tennis juckt keinen mehr. Nur der Tatort und Fußball haben überlebt.

Warum?
Ganz einfach: Weil er es geschafft hat, aus einem wöchentlichen Ereignis ein Stündliches zu machen. Wie eine Blase, die aber nie platzt. Das ist ja das Erstaunliche.