Rafael Benitez über Neapel, Maradona und Mourinho

»Ich bin ein Scouser geworden«

Neapel ist eine Hafenstadt wie Liverpool und Valencia, wo sie ebenfalls erfolgreich gearbeitet haben. Was gefällt Ihnen an der Mentalität dieser Orte?
Sie sind weltoffen und lebendig, weil sie seit Jahrhunderten unter dem Einfluss anderer Kulturen stehen. Man ist es in diesen Städten gewohnt, mit Händen und Füßen zu kommunizieren und Fremde willkommen zu heißen. Das sind die besten Voraussetzungen für ein so buntes Gefüge wie einen Fußballverein und seinen Trainer.

Aber wie viel bekommen Sie vom Leben in der Stadt wirklich mit? Sie leben in einem Hotel 40 Kilometer außerhalb Neapels?
Ich bin kein Flaneur, und das könnte ich aufgrund meiner gewissen Bekanntheit auch gar nicht sein. Aber ich bekomme genug mit, um die Mentalität zu verinnerlichen.

Sie arbeiteten sechs Jahre beim FC Liverpool, noch heute singen die Fans an der Anfield Road Ihren Namen. Ist dort Ihre eigentliche Heimat?
Meine spanischen Freunde sagen jedenfalls, ich käme ihnen schon sehr liverpoolerisch vor. Ja, ich bin ein Scouser geworden.

Mit den Reds gewannen Sie im CL-Finale 2005 gegen den AC Mailand. Und das nach einem 0:3-Rückstand. Ihr Gegenüber damals: Carlo Ancelotti.
Ja, Carlo scheint sich von mir abgeguckt zu haben, wie man ein Spiel noch dreht! (Lacht.)

Das von ihm trainierte Real Madrid glich im Champions-League-Finale 2014 gegen Atletico in der 94. Minute aus und gewann schließlich mit 4:1. Hatten Sie auch solche Angst, dass Diego Simeone Amok läuft?
Als er kurz vor Schluss auf dem Platz auftauchte, wurde mir schon mulmig.

Können Sie ihn trotzdem verstehen?
Es war sein Fehler, Diego Costa trotz Verletzung aufzustellen, das war ihm bewusst. Dann das späte 1:1, und in der Verlängerung bricht Atletico ein. Das ist bitter. Man sollte uns Trainer nicht in solchen Stresssituationen beurteilen, sondern daran messen, was wir tun und sagen, wenn wir uns beruhigt haben. Fragen Sie Klopp nach seinen Grimassen, fragen Sie Simeone nach seinem Platzsturm. Sie werden Ihnen nichts anderes sagen als ich: Es stand verdammt viel auf dem Spiel. Sie wollten gewinnen. Das ist alles.

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Wir trafen Rafael Benitez im Sommer 2014, kurz nach dem Gewinn des italienischen Pokals. Das Interview erscheint hier stark gekürzt, die komplette Version erschien im Juli 2014 in 11FREUNDE #152. Das Heft könnt ihr hier nachbestellen.