Prof. Gerhard Vinnai über 68 und Fußballkritik

»Es gab keine Rebellen«

Schon 1971 formulierte Gerhard Vinnai vieles von dem, was heute die heutige Ultrakultur für sich beansprucht: Eine radikale Kritik am modernen Fußball. Wir sprachen mit ihm über Spielermaterial, Marionetten und vermeintliche Kontrapunkte. Prof. Gerhard Vinnai über 68 und Fußballkritikimago images

Prof. Gerhard Vinnai, noch unter dem Eindruck der gesellschaftspolitischen Ereignisse von 1968 veröffentlichten Sie 1971 das Buch »Fußballsport als Ideologie«. Verstanden Sie sich als das schlechte Gewissen des Fußballs?

Prof. Gerhard Vinnai: Ich würde das ein bisschen relativieren. Manche 68er hatten zwar einen fußballkritischen Blick, dennoch waren viele von ihnen auch Fans.

Ihr Buch ist untertitelt mit dem Satz: »Die Tore auf dem Fußballplatz sind die Eigentore der Beherrschten«. Das klingt nicht nach einem Fan, der ein bisschen verstimmt ist, sondern nach radikalem Rundumschlag.


Prof. Gerhard Vinnai: Wir wollten damals alles radikal kritisieren und den Fußball dabei nicht ausklammern. Es begannen sich damals kritische Intellektuelle wie Theodor W. Adorno über den Sport zu äußern, obwohl dieser selbst kaum jemals Sport getrieben hat. Aber auch ein Autor wie Bero Rigauer, der Basketball-Nationalspieler war, wirkte prägend. Er veröffentlichte 1970 das Buch »Sport und Arbeit« und untersuchte darin die Gemeinsamkeiten eines vermeintlich zweckfreien Sports mit der Arbeit im Kapitalismus.

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Was meint dieser Satz »Die Tore auf dem Fußballplatz sind die Eigentore der Beherrschten«? Wie sah der Fußballbegriff der 68er konkret aus?

Prof. Gerhard Vinnai: Meine Sportkritik ging damals davon aus, dass der organisierte Fußballsp0rt Massenverhaltensweisen auf eine Art lenkt, die der Demokratisierung der Gesellschaft und der individuellen Befreiung entgegensteht. Der Fußball war für uns damals ein systemerhaltendes Element. Wir stellten die These auf, dass durch die kommerziellen Interessen der Vereine die Spieler und Fans so einheitlich geformt werden, dass sie zur bestehenden Gesellschaftsordnung passen. Unserer Auffassung nach glichen sich die Spieler im Ganzen immer mehr einer Maschine an. Man äußerte damals im Trainerjargon oder im Sportjournalismus häufig: Die Mannschaft funktioniert wie eine gut geölte Maschine. Die Spieler erschienen uns in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern als Marionetten.

Sie wurden zum Spielermaterial?

Prof. Gerhard Vinnai: Ein Begriff, der besonders belastet ist, wenn man sich vor Augen führt, dass das Wort »Menschenmaterial« als Unwort des 20. Jahrhunderts gelten kann. Es impliziert eine unsägliche Verknüpfung von Lebendig-Menschlichem und einer toten Sache.

Dabei gab es doch immer wieder Spieler, die sich dem Apparat widersetzten.

Prof. Gerhard Vinnai: Sie meinen Spieler wie Paul Breitner?

Zum Beispiel.

Prof. Gerhard Vinnai: Solche Spieler wurden in den siebziger Jahren schnell zu Idolen. Spieler, die das Besondere repräsentieren. Es entstand ein Starkult um solche Spieler, weil sie die vermeintlichen Rebellen waren, die dem Diktat der Regel nicht gehorchten.

Sie waren keine Rebellen?

Prof. Gerhard Vinnai: Das war Wunschdenken. Wenn man hinter die Mao-Bibel und die langen Haare schaute, die damals als unangepasst galten, sah man da Spieler, die sehr stark in ein taktisches Mannschaftsgefüge und in kommerzielle Überlegungen der Vereine integriert waren. Diese Spieler mimten die Unorthodoxen, und glaubten vielleicht auch, einer damaligen gesellschaftlichen Tendenz in Deutschland entsprechend, es zu sein – aber letztlich waren sie auch Teil des Establishments.

Wie verhielt es sich mit den Vereinen?

Prof. Gerhard Vinnai: Ein Verein wie Borussia Mönchengladbach repräsentierte in den siebziger Jahren ein Gegengewicht zum FC Bayern, dem fast ein politischer Charakter zugeschrieben wurde. Jeder kennt diese Mannschaft unter ihrem Namen »Die Fohlen«. Ein Name, der eine wilde und ungezügelte Mannschaft vermuten ließ, ein Team, das sich kaum an Vorgaben hält. Dabei waren die Spieler doch genauso an Systeme, Regeln und ökonomische Interessen gefesselt. Es war alles eine Scheinidylle. Mönchengladbach war jedenfalls kein linker Kontrapunkt zum FC Bayern, zu dem es gemacht wurde.

Fußball im Ganzen glich sich Ihrer Meinung nach in den sechziger und siebziger Jahren dem Prinzip des kapitalistischen Systems an.

Prof. Gerhard Vinnai: Es gab diese Tendenz schon vorher, aber sie verstärkte sich zu dieser Zeit besonders. Man findet heute im Fußball das gleiche Konkurrenzprinzip wie im  Bereich der Arbeit. Es kamen damals Elemente der Arbeit auf, die sich im Fußball wiederholten. Etwa das starre Einhalten von Positionen.

Das Einhalten von Positionen hat es doch immer gegeben. Trotzdem war Fußball seit jeher ein Spiel, das erlaubte, diese neu zu interpretieren.

Prof. Gerhard Vinnai: Das Spielerische des Fußballs bestand und besteht letztlich einzig darin, dass die Freiheit gegeben ist, sich wiederholende Elemente zu variieren. Es entsteht aber dabei der Eindruck, dass man dabei relativ frei improvisieren kann. Dabei konnte man das seit den Siebzigern immer weniger. Verglichen mit dem Fußball der fünfziger Jahre, als Spieler wie Fritz Walter sich noch viel weniger dem Diktat eines Systems unterordnen mussten, waren Spieler in den Siebzigern die Marionetten ihrer Vereine. Vor der WM 1970 etwa ließ Helmut Schön zahlreiche Spieler in Deutschland, weil sie als unbequem galten. Und unbequem waren die, die ihre Positionen zu frei interpretierten.

Charly Dörfel etwa, der ein paar Jahre zuvor als der beste Linksaußen der Welt galt.

Prof. Gerhard Vinnai: Zum Beispiel. Der kommerzielle Druck war in den Jahrzehnten zuvor nicht so groß. Fußball war in den Fünfzigern noch kaum kulturindustriell kommerziell organisiert. Mit den ersten Weltmeisterschaften nach dem Krieg, mit der Gründung der Bundesliga wurde das anders. Spieler wurden Berufsspieler, Werbebanden tauchten auf, überall wurde Coca Cola verkauft, es gab plötzlich eine Fanartikelindustrie. Spieler wurden wie Popstars von den Medien hochstilisiert, man sah sie in Zeitschriften wie »Bravo«, auf Postern und Autogrammkarten.

Wie hätten sich die Spieler dem widersetzen können?

Prof. Gerhard Vinnai: Eigentlich konnten sie das gar nicht. Und das ist die Crux. Der Fußball wurde von machtvollen Interessen instrumentalisiert. Die Spitzenspieler waren in den Sechzigern und Siebzigern plötzlich wichtige Werbeträger, Beckenbauer machte für Tütensuppen Werbung, andere sangen ihre Lieder für große Plattenfirmen ein. Sie konnten es sich nicht leisten, öffentlich etwas Kritisches über ihren Verein oder die Sponsoren zu sagen. Sie äußerten nur noch auswendig gelernte Sprüche. Heute sieht man das Resultat in den Interviews nach dem Spiel. Die Spieler müssen gar nicht per se dumm sein, doch ihnen wird vorgelebt: »Sage nichts mit deinen Worten. Achte darauf, den Betrieb nicht zu gefährden«.

Albert Camus sagte einmal, alles was er von Solidarität wisse, habe er vom Fußball.

Prof. Gerhard Vinnai: Das ist ein bisschen naiv. Natürlich ist es so, dass man im Fußballverein lernt, wie man gemeinsam ein Ziel verfolgen und erreichen kann. Zugleich gibt es aber auch eine brutale Konkurrenz, es gibt immer Gegner, ohne einen gemeinsamen Feind geht es nicht. Bei der WM 1966 war das England oder speziell Geoff Hurst oder aber der Linienrichter Tofik Bachramow. Aber es gibt den Kampf auch in der eigenen Mannschaft. In den Siebzigern die stete Konkurrenz zwischen Netzer und Overath. Daher birgt Fußball auch immer das Potenzial zur Zerstörung von Zusammenhalt.

Dabei gab es schon in den Siebzigern gemeinsame Fußballfeste. Bei der WM 1970 feierte der Gastgeber Mexiko den Weltmeister Brasilien, als ob das eigene Team den Titel errungen hätte.

Prof. Gerhard Vinnai: Sicherlich hatte und hat Fußball auch erfreuliche Seiten. Doch fragte ich mich damals schon: Warum stellen sich solche Rauschzustände wie in Mexiko nicht im Alltag her? Warum nur beim Fußball? Warum nur in einem fiktionalen Raum?

Äußerte Theodor W. Adorno sich damals sportkritisch?

Prof. Gerhard Vinnai: Adorno äußerte sich in einigen seiner Texten kritisch zum Thema Sport, aber er hat nie einen geschlossenen Text hierzu vorgelegt. Dementsprechend sind meine fußballkritischen Schriften, etwa mein Buch »Fußballsport als Ideologie«, auch von Adorno inspiriert. Ich habe bei ihm eine Diplomarbeit zum Thema Fußballsport geschrieben.

Unterhielten Sie sich mit Adorno über Fußball?

Prof. Gerhard Vinnai: Nein. In den Sprechstunden oder auf dem Campus war Adorno eine Autorität, die so weit weg erschien, dass man vermeintlich profane Themen wie Fußball nicht ansprach. Zudem fand er Phänomene, die eine Massenbegeisterung hervorriefen, also Ereignisse, denen tausende von Menschen folgten, per se bedrohlich – er stand zu sehr noch unter dem Eindruck des Dritten Reichs.

Hat Adorno seine Schriften aus einer rein theoretischen Sicht geschrieben?

Prof. Gerhard Vinnai: Adorno war wohl nie bei einem Spiel im Stadion und hat nie selbst  Fußball gespielt. Er war ein absolut unsportlicher Mensch. Diese Fremdheit ist natürlich problematisch – aber sie erleichtert die kritische Distanz.

Was würden Sie sich für die heutige Fußballkritik wünschen?

Prof. Gerhard Vinnai: Es hat sich leider auch unter Intellektuellen eine Art Konsens entwickelt, Fußball gut finden zu müssen, nur wenige Erscheinungen zu hinterfragen. Das ist schade, und insofern ist es auch schwierig, gerade nach der WM 2006, mit Fußballkritik überhaupt noch Gehör zu finden. Die Kritik, die Ende der sechziger Jahre noch ein bereites Interesse fand, ist heute fast völlig verschwunden – oder sie ist verstummt vor der Macht der Verbände und Organisationen und der Macht einer Fußballbegeisterung, die sich nicht in Frage stellen lassen will.

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Gerhard Vinnai, geb.1940 in Stuttgart, Studium der Soziologie und Psychologie in Frankfurt/Main. Examen bei Theodor W. Adorno. Von 1972 bis 2005 Professor für analytische Sozialpsychologie an der Universität Bremen. Arbeitsschwerpunkte: Sportkritik, Psychologie der Gewalt, Psychoanalyse der Religion, Geschlechterrollenprobleme. Buchveröffentlichungen unter anderem: Fußballsport als Ideologie (1970), Das Elend der Männlichkeit (1977), Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft. Psychologie im Universitätsbetrieb‘(1993), Jesus und Ödipus (1999), Hitler – Scheitern und Vernichtungswut. Zur Genese des faschistischen Täters (2004). Texte zur Fußballkritik unter www.vinnai.de