Predrag Pasic über die Rebellen des Fußballs

»Egal, woher euer Mitspieler kommt«

Vor der Halle muss es unweigerlich zu Treffen der Eltern gekommen sein. Was waren das für Situationen, wenn Bosnier dort auf Serben trafen?
Zunächst unterrichtete ich vornehmlich bosnische Kinder in der Fußballschule. Erst 1995 organisierten wir eine Reise zu Inter Mailand, an der Kinder der verschiedenen Bevölkerungsgruppen teilnehmen sollten. Als ich davon erzählte, sahen mich die Kinder mit großen Augen an. Ich sagte: »Ihr seid Fußballspieler, und Fußballspieler spielen zusammen – egal, woher euer Mitspieler kommt; egal, wie er aussieht; egal, an was er glaubt.«

Wie war die Reise?
Die bosnischen und die serbischen Kinder trafen sich erstmals in Triest, denn dort wartete ein Bus, der uns nach Mailand bringen sollte. Die Kinder aus unserem Bus starrten hinüber, und die serbischen Kinder starrten zurück. Es sah aus, als konnten sie nicht glauben, dass den anderen die Nase nicht aus dem Hinterkopf wuchs, dass die anderen keine Monster waren – so wie sie es immer gehört hatten.

Wie brachen Sie das Eis?
Ich unternahm nichts, ich beobachtete nur. Anfangs herrschte Totenstille. Nach einer Stunde begannen die ersten Kinder untereinander zu flüstern. Nach zwei Stunden tuschelten sie miteinander. Nach drei Stunden redeten sie normal miteinander. Und nach vier Stunden stiegen sie alle gemeinsam lachend aus dem Bus. Im Camp war die Stimmung großartig. Die Kinder merkten, dass sie alle gleich sind: Alle spielten mit denselben Bällen und hatten dieselben Shirts an – Trikots von Inter Mailand. Als die serbischen Kinder nach der Reise in ihre Städte zurückfuhren, flossen einige Abschiedstränen.

Sie haben danach eine weitere Schule aufgemacht.
Diese Reise hat mich bestätigt, dass es im Fußball keine Grenzen gibt. Ich habe danach eine Schule in Serbien eröffnet und auch einen Austausch zwischen beiden Schulen organisiert. Dabei waren die Kinder jeweils bei den Familien ihrer Gastkinder untergebracht. So kamen auch die Eltern zusammen. Sie mussten sich gezwungenermaßen austauschen, wenn sie wissen wollten, wie es ihrem Kind in der Ferne erging. Anfangs herrschte eine gewisse Skepsis, später bekam ich mit, wie die Eltern freundlich miteinander telefoniert und sich auch gegenseitig besucht haben.

Herr Pasic, bei Länderspielen zwischen Kroatien und Serbien werden heute noch oft die Gästefans ausgeschlossen, um Krawalle zu vermeiden. Welche Bedeutung haben solche Spiele für die Länder?
Die ganze Situation macht mich sehr traurig. Ich kann Ihnen nur sagen, was ich oft sage, wenn ich über den Film »Les rebelles du foot« spreche: Die Geschichten der anderen Protagonisten des Films enden irgendwie in einem Happy End. Wenn man sich die heutige Situation in den ehemaligen jugoslawischen Ländern anguckt, muss ich leider sagen: unsere nicht.

Wir führten das Interview mit Predrag Pasic vor drei Jahren im Rahmen des 11mm-Festivals. Mittlerweile ist Pasic Technischer Direktor beim FK Sarajevo. Der Film »Les rebelles du foot« läuft auch dieses Jahr auf dem 11mm-Festival. Termine: 18. März um 19.30 Uhr; 21. März um 20.00 Uhr. Ort: Babylon-Kino, Berlin. Weitere Informationen und Tickets auf 11-mm.de