Predrag Pasic über die Rebellen des Fußballs

»Kinder verstehen keinen Hass«

Heute scheint es nicht anders.
Es ist mit der Zeit für Fußballer immer schwieriger geworden, sich kritisch zu äußern. Die Spieler sind eingebettet in Systeme, sie sind Werbefiguren oder Vertreter ihrer Klubs oder Länder. Nehmen wir zum Beispiel einen Fußballer wie Real Madrids Luka Modric oder den Tennisspieler Novak Djokovic. Das sind smarte Jungs, denen aber, sobald sie im Ausland aktiv sind, automatisch die Funktion eines Botschafters zugeschrieben wird. Sie tragen also eine immense Last.

Doch sie sind gerade dadurch in einer Position, Diskussionen anzuregen, die über den Fußball hinausgehen.
Absolut. Sie sind populär und werden gehört. Deswegen finde ich es auch sehr schade, dass eine Auseinandersetzung mit den aktuellen Verhältnissen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens nicht stattfindet. Aber das ist nicht nur im Sport so.

Sprechen wir über Ihre Zeit als Profifußballer. Sie haben beinahe 20 Jahre beim FK Sarajevo gespielt. Einige Jahre war der spätere Serbenführer und Kriegsverbrecher Radovan Karadžić dort als Sportpsychologe tätig. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Während unserer gemeinsamen Zeit in Sarajevo hatte ich ein gutes Verhältnis zu ihm. Ich mochte seine Ideen und Ansprachen. Sein Credo lautete: »Es ist egal, wer woher kommt. Wir sind ein Team!« Er mochte mich. Später wollte er mich sogar mit zu Roter Stern Belgrad nehmen. Ich sagte aber ab.

Haben Sie ihn jemals wieder gesehen?
Nein. Das erste Mal hörte ich wieder von ihm, als er seine Kriegsverbrechen beging. Ich war schockiert. Alles, was er uns über Freundschaft und Teamgeist erzählt hatte, brach in sich zusammen. Ich habe einige Male darüber nachgedacht, was in der Zeit passiert sein mag, nachdem er Sarajevo verlassen hatte. Doch fragen Sie mich nicht: Ich kann es schlichtweg nicht erklären.

Er hat bereits 1971 ein Gedicht geschrieben, in dem er die Zerstörung Sarajevos herbeisehnt. Ein Satz lautet: »Lass uns hinunter in die Stadt gehen und den Abschaum töten.«
Das ist mir neu. Ich wusste, dass er als Schriftsteller tätig gewesen war. Ich kannte allerdings nur seine Kinderbücher. Die waren großartig. Doch dieses Gedicht ist auch keine Überraschung mehr für mich, denn alles, was ich im Nachhinein über diesen Mann höre, ist schockierend und abgründig. Ich bin sehr froh, dass ich nicht mit ihm nach Belgrad gegangen bin.

Stattdessen wechselten Sie 1985 zum VfB Stuttgart. Wie kamen Sie in Deutschland zurecht?
Anfangs war es nicht einfach. Ich sprach kein Deutsch und nur wenig Englisch. Einige Spieler haben mich zunächst skeptisch beäugt.

Wer?
Zum Beispiel Karl Allgöwer.

Erstaunlich. Allgöwer war doch ebenfalls politisch interessiert. Er engagierte sich in den Achtzigern für die SPD und setzte sich für den Umweltschutz ein.
Vielleicht hatte er Angst vor Konkurrenz. Oder er war einfach misstrauisch, weil da ein Fremder auftauchte (Lacht). Die Skepsis hielt sich allerdings nur ein paar Wochen. Später haben wir uns super verstanden. Karl wurde einer meiner besten Freunde beim VfB. Ich mochte auch die anderen und habe ihre Lebenswege verfolgt: Jürgen Klinsmann, Günther Schäfer oder Guido Buchwald. Tolle Männer.

Drei Jahre nach Ihrer Rückkehr nach Sarajevo brach der Bürgerkrieg aus. Warum sind Sie in der Stadt geblieben?
Ich hing an Sarajevo. Ich dachte, ich könnte anderswo nicht glücklich werden.

Sie hatten aber ein Angebot.
Richtig, Dieter Hoeneß war Anfang der neunziger Jahre Manager beim VfB Stuttgart. Er hat mir damals angeboten, einen Trainerschein in Stuttgart zu machen. Ich sollte meine Familie mitbringen.

Die wollte aber nicht?
Ich habe meine Frau mehrmals angefleht, ins Ausland zu gehen. Doch sie wollte unbedingt bei mir sein. Also blieb sie. Wie auch meine zwei Kinder, die zwei Jahre lang in einem Bunker unter der Erde gelebt haben. Es war für sie zu gefährlich, raus zu gehen.

Wie konnten Sie in diesem Szenario eine Fußballschule aufbauen?
Eigentlich habe ich ja als Galerist gearbeitet...

Sie leiteten eine Galerie? Sie hatten doch Wirtschaftswissenschaften studiert.
Stimmt. Kunst war aber immer schon meine zweite große Leidenschaft gewesen. Früher hatte mich meine Lehrerin immer wieder ermutigt, mehr zu zeichnen. Sie sagte, ich sei talentiert.

Wieso dann die Fußballschule?
Ich sah, was die Leute nach Ausbruch des Krieges hatten, nämlich: nichts. Gerade die Kinder haben in der Zeit sehr gelitten. Die Schulen waren geschlossen, die Sportvereine machten dicht, es gab keine Möglichkeit, die Freizeit aktiv zu gestalten. Als Galerist hatte ich noch keinen großen Namen und konnte nichts bewegen. Ich freundete mich also mit der Idee an, eine Fußballschule ins Leben zu rufen. Als ich Dieter Hoeneß davon erzählte, schickte er sofort 100 Fußbälle und mehrere hundert Trikots nach Sarajevo.

Sie haben dann einen Aufruf für Ihre Schule gestartet. Wieviele Kinder kamen zum ersten Training?
Anfang Mai 1993 war ich zu Gast in einer Radiosendung. Ich erzählte dort von meiner Idee und sagte, dass die Kinder am 15. Mai zum Skenderiju (Kultur- und Sportcenter in Sarajevo, d. Red.) kommen sollten. Ich hatte allerdings keine großen Hoffnungen, dass mehr als zehn Jungs ihren Weg durch die zerschossene Stadt finden würden. Doch als ich ankam, standen dort über 200 Kinder. Ich nahm sie mit in die Halle und sie streiften sich die VfB-Trikots über.

Wie präsent war der Krieg in dieser Halle?
Ich erinnere mich an einen Tag, als ein österreichisches Fernsehteam vor Ort war. Der Reporter stellte einem Jungen die Frage, was er bislang von diesem Krieg in Erinnerung behalten hat. Der Junge antwortete: »Ich werde nie vergessen, dass ich einmal zwei Tore in einem Spiel gemacht habe.« Der Reporter war verwirrt. Er fragte den Jungen, ob er wüsste, dass viele Menschen im Krieg gestorben seien. Der Junge bejahte. Danach fragte der Reporter noch einmal: »Und jetzt: Was erinnerst du?« Da sagte der Junge: »Das Spiel am Samstag, als wir in der letzten Minute das Siegtor erzielten.«

Was haben Sie da gedacht?
Ich war froh, denn ich merkte, dass der Krieg in diese Halle nicht hineinkam. Er hatte bei den Kindern, die Fußball spielten, keine Chance.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Kinder verstehen keinen Hass. Sie hören von ihren Eltern davon, und vielleicht reden sie auch wie ihre Eltern. Doch sie kennen das Gefühl nicht.

Sie kennen Angst.
Aber sie konnten diese überwinden. Die Kinder mussten auf dem Weg zum Training zum Beispiel eine 50 Meter lange Brücke überqueren. Auf der einen Seite lag die Halle, auf der anderen ein Berg, von wo aus die Serben mit Sniper-Gewehren geschossen haben. Die Kinder mussten jedes Mal über die Brücke rennen. Sie taten es, weil sie Fußball spielen und die anderen Kinder sehen wollten. Glücklicherweise ist nie etwas passiert. Kein einziges Kind wurde erschossen.

Wurde die Halle denn beschossen?
Ein paar Mal nur. Wenn es brenzlig wurde, sind wir in einen Tunnel unter der Halle geflüchtet und haben dort ausgeharrt.