Pierre-Michel Lasogga im Interview

»Typen wie mich gibt es nicht mehr viele«

Pierre-Michel Lasogga ist vielleicht der letzte Sturmtank der Liga. Für unsere neue Ausgabe sprachen wir mit ihm über das Leben als echte Neun, das Verhältnis zu seiner Mutter und warum es okay ist, vor der gegnerischen Bank zu jubeln.

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Pierre-Michel Lasogga, wann ging das bei Ihnen los mit dem Fußball?
Mit meiner Geburt! Wenn du im Ruhrgebiet aufwächst, wird dir der Fußball in die Wiege gelegt. Seit ich mich erinnern kann, bin ich immer dem Ball hinterher gejagt.

Wer war Ihr Idol?
Als kleiner Junge war ich Schalke-Fan und fand Jörg Böhme klasse. Einfach wegen seiner Einstellung, immer alles für den Verein zu geben. Klar, er ist dabei auch mal über die Stränge geschlagen, aber nie aus bösem Willen. Ein typischer Ruhrpott-Fußballer, obwohl er ja gar nicht von dort stammt.

Böhme war Mittelfeldspieler.
Ich ja auch, bis zur B-Jugend. Erst mein Trainer in Wattenscheid kam auf die Idee, mich nach vorn zu stellen. Meine Stürmerkarriere fing also relativ spät an. Aber gerade noch rechtzeitig.

Ihre heutige Spielweise könnte man als britisch bezeichnen.
Die sehr körperliche Art, wie dort Fußball gespielt wird, hat mich immer schon inspiriert. Damals in meiner Heimatstadt Gladbeck haben wir auf der Wiese oder auf der Straße gespielt und waren natürlich nicht nach Altersgruppen getrennt. Da musste ich mich als Zehnjähriger schon mal gegen einen Sechzehnjährigen durchsetzen. Das hat mir immer Spaß gemacht, geheult habe ich jedenfalls nie.

Wann wurde Ihnen zum ersten Mal gesagt, dass Sie es als Fußballer weit bringen könnten?
Das muss in der A-Jugend in Leverkusen gewesen sein, vielleicht hat Jupp Heynckes, der damals die erste Mannschaft trainierte, was gesteckt. Aber vorher hieß es oft, dass ich es nicht packen würde. Ich habe trotzdem nicht aufgegeben.

War Ihre Mutter damals auch schon präsent?
Ja, klar. Immer!

Wer war ehrgeiziger: Sie oder Ihre Mutter?
Schon ich. Sie war eben nicht, was viele vielleicht denken, die typische Soccer Mum. Sie hat mich unterstützt, natürlich, aber der Wille, Profi zu werden, ging von mir aus. Hätte ich keine Lust gehabt, hätte sie mich nie gedrängt.

Hatten Sie einen Plan B?
Ehrlich gesagt, nein. Ich wollte immer nur Fußballer werden, hatte immer die Einstellung: No risk, no fun. Ich konnte nicht am Schreibtisch sitzen und Hausaufgaben machen, wenn ich das Gefühl hatte, dass heute vielleicht ein Scout vorbeikommt – der mich aber nicht entdeckt, weil ich nicht da bin. Ich habe mein Abitur gemacht, und das reichte dann auch. Der Rest war Fußball.

Manche schaffen sogar beides: Profi zu werden und trotzdem eine Ausbildung zu machen.
Das sind Ausnahmetalente. Ich bin volles Risiko gegangen. Und wie man sieht, hat es sich ja auch ausgezahlt.

Vielen jungen Männern kann es gar nicht schnell genug gehen, dass sie sich von ihrer Mutter abnabeln. Wie war das bei Ihnen?
Ich bin mit 15 ins Internat nach Wolfsburg gegangen und musste da allein klarkommen. Ich hänge also nicht am Rockzipfel.

Aber die Verbindung zu Ihrer Mutter ist nach wie vor sehr eng. Sie fungiert sogar als Ihre Beraterin.
Ich finde, in einer Familie sollte man immer für einander da sein. Und so leben wir das auch. Ich finde das nicht außergewöhnlich.

Wurden Ihnen von Ihren Kollegen mal Sprüche gedrückt, »Muttersöhnchen« oder dergleichen?
Bislang noch nicht. Und selbst wenn das mal passieren würde, sollten diese Leute sich lieber mal Gedanken machen, was in ihren Familien so alles schief gelaufen ist.

Ist diese enge Verbindung etwas Typisches im Ruhrgebiet?
Wo ich herkomme, bleibt ein Familie ein Leben lang zusammen. Die Liebe wird nicht nur gespielt, sondern gelebt. Sie kommt von Herzen, das ist extrem. Mutter, Onkel, Geschwister: Nichts und niemand wird sich je zwischen uns drängen.