Philipp Lahm im Interview

»Der deutsche Fußball muss sich finden«

Vor einem Jahr beendete Philipp Lahm seine Karriere. Im Interview blickt er zurück auf den Hype um junge Trainer, Stress im Spiel und Guardiolas strenge Regeln im Kreisspiel. 

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Philipp Lahm, Sie haben letzten Sommer Ihre Karriere beendet, zeitgleich mit Ihrem Kollegen Xabi Alonso. Der sagte damals: »Ich benötige einen Prozess der Distanzierung, der Umwandlung, der Veränderung der Mentalität.« Geht es Ihnen ähnlich? 

Nicht genau. Ich bin auch für Abstand, aber um einen anderen Blick auf den Fußball zu bekommen. 

Schauen Sie Spiele inzwischen anders? 

Ja, als Fan. 

Das heißt: nicht analytisch? 

Ja. 

Dabei haben Sie sehr analytisch Fußball gespielt. 

Aber ich habe Fußball fast immer als Fan gesehen, außer bei unseren eigenen Spielen. Und wenn ich heute mit meinen Freunden Fußball schaue, dann als einer von ihnen. 

Haben Sie viele Bundesligaspiele angeschaut? 

Ja. Die meisten Spiele der Bayern sowieso, aber manchmal auch die Konferenz, weil es nicht mehr so spannend war. 

Gehen Sie auch ins Stadion? 

Nein.

Warum nicht? 

Einerseits wegen des Abstands, vor allem aber gehe ich nicht so gerne als ehemaliger Spieler ins Stadion. Bei Länderspielen ist das anders, weil ich da als EM-Botschafter eine Funktion habe. 

Wenn Sie mit Ihren Freunden über Fußball sprechen, was ist am schwierigsten zu vermitteln? 

Nichts, weil ich als Fan mit ihnen spreche und nicht in die Tiefe gehe.

Gibt es eine Tiefe, über die man nicht sprechen kann? 

Ich stand über 15 Jahre auf höchstem Niveau auf dem Feld und habe fast jede Situation mal erlebt. Mit jemandem, der das ebenfalls erlebt hat, kann ich anders darüber sprechen als mit jemandem, der das nicht erlebt hat. 

Ist Außenstehenden das zu vermitteln? 

Fußball ist sehr komplex, taktische Begriffe wie »Angriffspressing« oder Formationen wie 4-3-3 erklären allein nicht, was auf dem Platz passiert. Es geht auch um Emotionen, um die Geschichte der Spieler und der Mannschaften. Und entscheidend ist sowieso das Individuelle, die Qualität, die jeder Spieler hat.