Peter Bosz über seinen Offensiv-Fußball und die Horror-Wochen in Dortmund

»Ich als Spieler hätte in keinem meiner Teams je eine Chance gehabt«

Bei Ajax forderten Sie die sogenannte »Fünf-Sekunden-Regel«. Das Zeitlimit, in dem Ihr Team nach Ballverlust das Leder zurückerobern und zur Grundordnung zurückfinden soll. Welche Zeitvorgabe machen Sie aktuell der Werkself?
Letzte Saison ist uns das mit der Sekundenregel noch nicht so gut gelungen. Einige hatten damit noch Probleme. Denn das Gefährliche an dieser Vorgabe ist, wenn nur ein Spieler das Limit nicht schafft, geht der komplette Druck verloren und alle müssen viel mehr laufen. Bis zum Saisonstart müssen wir auch daran dringend arbeiten.

Nach dem Aus in der dritten Runde des DFB-Pokals gegen den 1. FC Heidenheim sagten Sie auf die Frage eines Journalisten, ob Ihrem Team die Mentalität zum Sieg gefehlt habe, dass Sie nicht verstehen würden, was »Mentalität« sei.
Weil ich von Ihrem Kollegen wissen wollte, was genau er damit meint. Wissen Sie, was Mentalität bedeutet?

Der innere Zusammenhalt einer Mannschaft, die Opferbereitschaft, gemeinsam für ein Ziel durchs Feuer zu gehen, die Überzeugung aller, auch spielstärkere Teams besiegen zu können?
Einverstanden. Aber für diesen Begriff gibt es bestimmt noch zwanzig weitere Definitionen. Mir kommt es manchmal vor, als würden Leute, die nicht allzu viel Ahnung von Fußball haben, den Begriff Mentalität nutzen, um sich zu erklären, warum ein schwächeres Team einen Favoriten besiegt. So brauchen sie nicht in die tiefere Analyse einzusteigen. Mentalität – fertig! Die machen es sich meines Erachtens zu einfach.  

Welches Ihrer Teams zeichnete eine besondere Mentalität aus?
Alle Teams, die ich bislang trainiert habe, hatten eine klare Philosophie. Wer nicht bereit ist, meine Idee und meinen Plan mitzutragen, den brauche ich nicht. Insofern hatten alle meine Spieler eine Mentalität, die ich von ihnen erwartet habe.

Wie würden Sie Mentalität erklären?
Mentalität heißt Konzentration, Fokussierung, Willenskraft, aber auch, ob jemand mit Druck umgehen kann. Kann er sich nach einem schnellen Rückstand wieder fokussieren? Ist ein Spieler in der Lage, einen harten Flachpass immer wieder und wieder auf den richtigen Fuß zu spielen? Ich wundere mich oft, dass die Leute applaudieren, wenn ein Verteidiger dreißig Meter hinter einem Stürmer herrennt, um am Ende den Ball ins Aus zu grätschen. Wow, der haut sich rein! Dabei hat derselbe Spieler vorher woanders einen fatalen Fehlpass produziert und den Ball verloren, weil er unkonzentriert war. Warum fragt keiner danach?

Als Aktiver galten auch Sie als Rumpelfußballer, der mehr über den Kampf zum Spiel fand. Sind Sie deshalb als Trainer so ein eiserner Verfechter des attraktiven Fußballs?
Als ich 2000 als Trainer anfing, hatte ich keine Ahnung, was für ein Typ ich bin. Bei meinem ersten Testspiel als Coach in Apeldoorn gegen mein altes Team von Feyenoord stand ich an der Bank und wusste überhaupt nicht, wie ich mich verhalten soll. Sollte ich die Spieler anschreien, mich hinsetzen oder einfach ruhig zusehen? Ich wusste es nicht. Aber eins war mir sofort klar: Wenn der Gegner den Ball hatte, wurde ich nervös, waren wir in Ballbesitz, war ich ganz ruhig. Auf dieser Grundlage habe ich meine Philosophie gebaut: Ich wollte schönen, offensiven Fußball spielen lassen. Und: Ich als Spieler hätte in keinem meiner Teams je eine Chance gehabt. (Lacht.)

Louis van Gaal erinnert sich gern an eine Szene seines Alkmaar-Teams, das nach sage und schreibe 26 Pässen ein Tor erzielte. Haben Sie auch bleibende Erinnerungen an Ballbesitzfußball?
Ich erinnere mich nicht an einen Moment. Aber mich freut es sehr, wenn meine Spieler erkennen, dass sie mit meiner Idee von Fußball Erfolg haben und – beispielsweise wie vor Kurzem gegen Fortuna Düsseldorf – über drei, vier Minuten den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren lassen. Das macht Spaß.