Peter Bosz über seinen Offensiv-Fußball und die Horror-Wochen in Dortmund

»Wir spielen Profifußball für die Fans«

Für den Online-Auftritt des niederländischen Mediums »De Correspondent« haben Sie vor Kurzem detailliert das Europa-League-Finale 2017 zwischen Ihrem Ajax-Team und Manchester United analysiert.
Nachdem ich mich lange geweigert hatte.

Warum?
Weil es ein richtiges Scheißspiel war. Eines der wenigen, die ich mir im Nachhinein nie mehr angeschaut und auch nicht analysiert habe.

Weil die Niederlage so schmerzte?
Nein, weil ich Fußballliebhaber bin. Und dieses Spiel – genauso wie das Champions-League-Finale 2019 – war nichts, was mir als Zuschauer Spaß gemacht hat.

Wer Ihnen bei der Analyse zuhört, erkennt, wie detailliert Sie ein Spiel vorausberechnen. Glauben Sie, dass Fußball planbar ist?
Ich glaube zumindest, dass sich sehr viele Faktoren vorausplanen lassen.

Warum haben Sie das Finale trotzdem verloren?
Ein Faktor, der sich nicht planen lässt, ist Erfahrung.

Das heißt?
Ein Spieler und ein Team müssen erst lernen, wie man Endspiele gewinnt. Matthijs de Ligt war 17, Kasper Dolberg war 19, meine Mannschaft hatte ein Durchschnittsalter von 21,7 Jahren. Manchester war im Schnitt sechs Jahre älter. Diesen Erfahrungsvorsprung holt man in K.o.-Spielen nicht so leicht auf. Das hat Ajax auch in der Champions League 2019 erfahren müssen.

Aber Ihr Matchplan beim damaligen Endspiel war richtig? Ihnen wird ja öfter vorgeworfen, Ihre Teams durch die offensive Ausrichtung großen Gefahren auszusetzen.
Hinterher ist es immer leicht, Dinge zu kritisieren. Wir hatten 2016/17 eine sehr gute Europa-League-Saison gespielt und mit unserer Philosophie gegen große Teams gewonnen. Natürlich hätte ich für das Finale umstellen können, aber glauben Sie wirklich, es wäre eine Garantie für den Titel gewesen?

Auch in Dortmund wurde kritisiert, dass Ihr Team viel zu hoch steht. Fehlen uns Deutschen womöglich der Mut und die Phantasie, um den niederländischen Offensivfußball nachzuvollziehen?
Keine Sorge, meine Spielweise wird auch in Holland kritisiert. Aber ich arbeite noch nicht lang genug in diesem Land, um zu verstehen, wie die Deutschen ticken. Wenn ihnen wirklich der Mut fehlt, wie sie mutmaßen, ist es ja gut. Vielleicht gelingt es mir dann noch, sie mit unserer Art von Fußball vom Gegenteil zu überzeugen. (Lacht.)

Auch Deutschen macht ein Hurraspiel mit Endstand 6:5 Spaß. Der Gelackmeierte sind Sie als Trainer, der hinterher die Niederlage oder zu viele Gegentore erklären muss.
Natürlich will auch ich gewinnen, aber meine Überzeugung ist, dass wir Profifußball für die Fans spielen. Und ich möchte, dass Menschen, die ein Spiel meines Teams sehen, nach Hause gehen und sagen: »Boah, das war großartig. Was für ein aufregender Fußball.«

Im Pro-oder-Contra-Fragebogen entscheiden Sie sich also fürs »turbulente 5:5-Unentschieden« und gegen den »schnöden 1:0-Sieg«?
Nein. Der 1:0-Sieg sticht immer das 5:5, aber noch lieber wäre mir ein 5:4-Sieg. Ich hasse Niederlagen. Ich glaube aber, dass es unterschiedliche Wege gibt zu gewinnen. Natürlich weiß ich, dass mein Weg grundsätzlich ein sehr schwieriger ist, denn wenn bei offensivem Spiel Fehler passieren, ist das Team hinten sofort anfällig.

Das heißt, bei Ihnen dürfen sich Spieler keine Fehler erlauben.
Offensivfußball bedeutet nicht zwangsläufig ein höheres Risiko, er bedarf nur einer noch detaillierteren Planung. Wenn wir hinten und vorne kompakt stehen, werden die Abstände so kurz, dass wir selbst bei einem Ballverlust sehr schnell reagieren können. Und wenn ich als Trainer das Spiel richtig analysiere, ist es auch möglich, dass meine Mannschaft mit der Zeit immer seltener Gegentore bekommt und gleichzeitig mehr Tore erzielt. Aber es setzt einen klaren Plan und harte, analytische Arbeit voraus. Und sehr aufmerksame Spieler.