Paulo Sousa über Basel, Dortmund und Bäume

»Wenn das Chaos eintritt: Genieße es!«

Paulo Sousa verlässt den FC Basel und übernimmt den AC Florenz. Wir trafen ihn im April zum großen Interview. Lest es hier erstmals in kompletter Länge.

Bild: Michael Sieber
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Paulo Sousa, wir unterhalten uns zwei Tage nach Jürgen Klopps Ankündigung, dass er sein Traineramt bei Borussia Dortmund zum Saisonende niederlegt. Sie werden zur Stunde als potentieller Nachfolger gehandelt. Hat Ihr alter Mannschaftskamerad Michael Zorc Sie bereits kontaktiert?
Nein, das hat er nicht. Der BVB musste in der Vergangenheit bereits schwierige Entscheidungen fällen und wird auch jetzt wieder ruhig handeln. Es besteht also kein Grund zu der Annahme, dass die Verantwortlichen hektisch herumtelefonieren. Und ich warte auch nicht darauf, dass mein Handy klingelt. Dafür bin ich nicht der Typ.

Was würden Sie denn sagen, wenn Zorc Sie anriefe?
Das ist absolut spekulativ. Ich bin kein Trainer, der sich mit dem Gedanken befasst, wie er für andere Klubs attraktiv erscheinen könnte. Ich habe auch keinen Agenten, der den Markt sondiert und mich platziert wie ein Produkt im Schaufenster. Meine Arbeit hier beim FC Basel und bei meinen früheren Klubs muss als Auskunft über meine Fähigkeiten genügen.

Diese Haltung könnte Sie das eine oder andere Engagement kosten. Viele Ihrer Kollegen sind in ihrer Jobakquise nicht so zurückhaltend wie Sie.
Ich will, wie schon als Spieler, aus mir selbst heraus wachsen. Schritt für Schritt. Ich will durch meine Leistungen anerkannt werden und dabei vor allem durch die Wertschätzung meiner Spieler. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass sie sich als Fußballer und als Menschen weiterentwickeln.

Aber eine Ehre ist es doch bestimmt für Sie, mit dem BVB in Verbindung gebracht zu werden.
Die größte Wertschätzung, die ich mir vorstellen kann, kommt immer von meinen eigenen Spielern. Bin ich ein guter Trainer für sie? Entwickeln sie sich unter mir weiter? Folgen sie mir in die Richtung, die ich eingeschlagen habe? Das sind die relevanten Fragen. Andere stelle ich mir nicht. Wer bringt mich denn überhaupt mit dem BVB in Verbindung, bitte?

Unter anderem die Buchmacher. Zurzeit stufen sie die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Klopps Amt übernehmen, auf 1:8 ein.
Ich denke, damit beantworten Sie Ihre Frage selbst. Ich beschäftige mich nicht mit Wahrscheinlichkeiten, mich interessieren nur Tatsachen.

Der BVB hat sich selbst den Slogan »Echte Liebe« verliehen. Jürgen Klopp stand im Mittelpunkt der hochemotionalen Beziehung zwischen dem Klub und seinen Fans. Wären Sie überhaupt der Typ für solch eine Romanze?
Aber ja! Ich trage doch selbst eine riesige Leidenschaft für den Fußball in mir. Und es fällt mir leicht, sie auch zu zeigen und zu teilen. Für viele Fans ist der Fußball eine Ablenkung von ihren Sorgen und Nöten. Sie hätten allen Grund, missmutig im Stadion zu sitzen und zu erwarten, dass die Mannschaft sie aus ihrer Agonie erlöst. Aber das tun sie nicht: Sie feuern die Mannschaft an mit allem, was sie haben. Und da soll ich meine Gefühle zurückhalten? Ich werde doch sogar dafür bezahlt, dass ich den Fußball liebe!

Muss ein Trainer manchmal fröhlicher wirken, als er eigentlich ist?
Mag sein, dass das opportun wäre. Aber ich halte nichts davon. Ich will ich selbst sein. Keine Maske. Keine Schauspielerei. Keine Effekte. Nur Paulo Sousa, der kohärente Mensch und Trainer.

Sie sagten mal: »Ich existiere nicht, um anderen zu gefallen.« Es muss schwer sein, authentisch zu bleiben, wenn man von einem Millionenpublikum beobachtet wird.
Mir ist bewusst, dass der Fußball eine Unterhaltungsindustrie ist. Die Menschen zahlen das Eintrittsgeld, um Emotionen zu erleben. Aber diese Emotionen müssen echt sein. Wie auch die Beziehung zwischen einem Trainer, der Mannschaft und dem Publikum. Kurz: Die Liebe muss echt sein.

Echte Liebe – wenn Michael Zorc das hören würde!
Michael und ich haben damals in Dortmund zusammengespielt und kicken noch heute von Zeit zu Zeit mit ein paar Jungs aus der Mannschaft, die 1997 die Champions League gewann. Seien Sie gewiss, er weiß schon längst, worum es mir im Fußball geht.

Haben Sie Freunde in diesem Geschäft?
Freunde …

Zögern Sie, weil es bloß ein Effekt wäre, jetzt einfach ja zu sagen?
Ich tue mich schwer mit diesem emotional so aufgeladenen Begriff. Meine Freunde aus der Kindheit in Viseu musste ich hinter mir lassen, als ich mit 14 zu Benfica Lissabon wechselte. Uns eint die Erinnerung, Zeit und Raum aber trennen uns. Ich ging meinen eigenen Weg, hinein in den Fußball. Dort ist es nicht so einfach, Freundschaften zu schließen und zu entwickeln: Man spielt zwar in einer Mannschaft, aber man konkurriert doch gleichzeitig miteinander, auf zuweilen harte körperliche und mentale Weise. Man ist kameradschaftlich verbunden, hat Respekt voreinander. Aber Freundschaft …

… ist Ihnen ein zu großes Wort.
Es ist ein wichtiges Wort. Aber man sollte nicht allzu verschwenderisch damit umgehen.

Vermissen Sie Ihre alten Freunde aus Viseu?
Ja, manchmal. Aber nicht so, dass ich darüber unglücklich wäre.

Es gibt diese berühmte Paulo-Sousa-Legende: In Ihrer Dortmunder Zeit sollen Sie im Training links herum gelaufen sein, während Ihre Mitspieler rechts herum liefen. Ein Sinnbild für Ihr Einzelgängertum?
Es wurde jedenfalls sehr dankbar von den Journalisten aufgenommen und weiterverbreitet, wie ich sehe. Offenbar hat es sich ja bis zum heutigen Tage gehalten. Glauben Sie mir, ich gehe nicht zwanghaft andere Wege, um individualistisch rüberzukommen. Die Wahrheit ist: Ich befand mich damals nach einer Knieoperation in der Reha-Phase und lief mit meinem persönlichen Trainer in einem anderen Tempo als die Mitspieler. Möglicherweise auch gegen den Uhrzeigersinn. Aber das hatte rein gar nichts zu bedeuten. Ich wollte nur nicht überrundet werden! (Lacht.)

Aber Sie gefielen sich schon in der Rolle des genialen Dirigenten, der ganz für sich war.
Das schien vielleicht so. Aber mein Verhalten hatte Gründe: Als Kind war ich sehr scheu, ich sprach kaum mit anderen Menschen, außer mit denen, die ich sehr gut kannte. Auch später gab es immer wieder Momente und Phasen, in denen ich mich von meiner Umwelt abschottete, um mich auf mein Innerstes zu konzentrieren. Daraus zog ich meine Stärke als Spieler: Fokussiert sein zu können, auch im Durcheinander, im Chaos.

Das Buch »Die Entdeckung der Langsamkeit« von Sten Nadolny handelt von dem Polarforscher John Franklin, der von seinen Mitmenschen für langsam und dumm gehalten wird, aus seiner zeitlupenhaften Wahrnehmung heraus aber Zusammenhänge sieht, die andere nicht sehen. Im Chaos handelt er als Einziger richtig.
Das gefällt mir, dieser Mann ist mir sehr sympathisch. Man muss die Logik erkennen, die die Dinge zusammenhält. Aber man muss auch das Chaos lieben, weil es uns Kreativität erlaubt. Wenn das Chaos eintritt, mein Freund: Genieße es! Bewahre die Ruhe und nutze deine Chance.