Partys, Pils, Polizeischutz: Die wilde Karriere des Michael Krätzer

»Nürnberg wollte uns Geld für eine Niederlage geben«

Es gibt Geschichten, die Sie mit der Frankfurter Unterwelt in Verbindung bringen. Ist da was dran?
Das war eine verrückte Nummer. 1986, ich war zu der Zeit noch bei der SpVgg 05 Bad Homburg in der vierten Liga (Nicht zu verwechseln mit dem FC 08 Homburg, d. Red.), hatten wir ein Freundschaftsspiel gegen eine Auswahl ehemaliger brasilianischer Nationalspieler. Nach dem Spiel kam ein etwa 50-Jähriger im Anzug in die Kabine, baute sich vor mir auf und sagte: »Mit dir will ich essen gehen!« Was wir dann auch taten. Das war richtig nobel, goldenes Besteck mit allem drum und dran. Er erzählte was von seinen 40 Wohnungen auf Mallorca und irgendwelchen Selbstschussanlagen. Plötzlich knallte er eine Plastiktüte mit 260.000 Mark auf den Tisch und sagte: »Ich zahle!« Später sind wir mit ihm und seinem Gefolge noch tanzen gegangen. Er hat die Tüte einfach auf den Tresen gestellt und ist auf die Tanzfläche verschwunden. Das muss man sich mal vorstellen: da liegen 260.000 Mark aufm Tresen und keiner in diesem Laden hat sich auch nur in die Nähe dieser Tüte getraut. Da habe ich gemerkt, dass das nicht nur ein netter älterer Herr im Anzug sein kann, der zufällig eine Viertel Million Mark in einer Plastiktüte dabei hat. Am nächsten Tag kamen im Training alle ganz aufgeregt zu mir und fragten, was ich mit Ossi Büttner zu tun habe. Das war eine Frankfurter Unterweltgröße, aber ich kannte den damals überhaupt nicht. Der hat locker 800.000 Mark im Monat gemacht und fuhr drei Rolls-Royce. 

Wie ging es weiter mit Ihnen und Büttner?
Eigentlich war Ossi ein feiner Kerl. Immer, wenn ich ein Tor schoss, drückte er mir 1.000 Mark in die Hand und sagte: »Geh mal einen trinken, Junge.« Ihn zu kennen, brachte richtige Vorteile mit sich. Mit Bad Homburg spielten wir irgendwann mal in Weißkirchen, so ein kleines Nest bei Frankfurt. Da ging es heiß her und wir mussten mit Polizeischutz vom Platz eskortiert werden. Irgendwann habe ich das mal Ossi erzählt. Ungefähr ein Jahr später, wir spielten wieder in Weißkirchen, schickte Ossi neun seiner Jungs im dicken Rolls-Royce als persönliche Leibgarde. Das waren richtige Kanten, die sich demonstrativ neben die Heimfans stellten. Das ganze Spiel über war es wirklich mucksmäuschenstill. Keiner der Zuschauer hat sich getraut, den Mund aufzumachen. Ich zog später allerdings die Reißleine, als ein Bekannter von der Kripo zu mir kam und mir zu verstehen gab, dass mein Name da in letzter Zeit oft gefallen sei. Ich hatte schon zwei Kinder und habe dann alle Verbindungen zu Ossi abgebrochen. Man ist ja ganz schnell drin in der Scheiße und muss raus, bevor es zu spät ist.

Immer eine schwierige Frage, aber welches Ihrer Spiele würden Sie hervorheben?
In der Bundesligasaison 1992/93 verloren wir mit dem FC Saarbrücken acht Spiele in Folge und waren praktisch abgestiegen. Am letzten Spieltag mussten wir nach Nürnberg, für die ging es noch um den Klassenerhalt. Einen Tag vor dem Spiel erhielten wir einen Anruf aus Nürnberg.

Worum ging es?
Sie fragten uns, was wir für eine Niederlagen haben wollten.

Wie bitte? Wie haben sie reagiert?
Wir hatten uns schon geeinigt. Die Kohle sollte direkt in die Mannschaftskasse gehen, für die Abschlussfahrt. Dann ging das eine Weile hin und her. Unfassbar viele Telefonate. Die Nürnberger machten im Endeffekt einen Rückzieher, weil Andreas Köpke strikt dagegen war. Einen Tag später legte ich Juri Sawitschew den Ball auf und plötzlich führten wir mit 1:0. Köpke war kreidebleich. Ich ganz frech zu ihm: »Gestern hättest du noch die Chance gehabt, mein Freund!« Ob am Ende trotzdem alles sauber lief, bezweifele ich aber. Zwei von uns haben mit so angezogener Handbremse gespielt, wie ich es noch nie zuvor von ihnen gesehen hatten. Wir verloren mit 1:4, der Club hielt die Klasse.
 
Ist das auch ein Grund, warum Sie nicht im Fußballgeschäft bleiben wollten?
Nein. Nach dem Abstieg 1993 und dem Jahr in der 2. Liga hatte ich vom Fußball genug. Es gab noch Angebote von Hertha und Hannover 96, aber ich habe mir nur gedacht: Du bist jetzt 32, hast dank Fußball 18 Operationen hinter dir, jetzt können die dich alle mal am Arsch lecken. Irgendwann ist es halt vorbei und da muss man einfach aufhören. Ich war auch nie der talentierteste Fußballer. Es gab locker 1000 Amateurspieler, die besser waren als ich. Die hatten halt nur nicht das Glück oder die Einstellung. Trainer werden wollte ich nach meiner Karriere eigentlich auch nicht. Mein Engagement im Amateurbereich wurde mir mehr oder weniger aufgequatscht.
 
Schwelgen Sie nicht manchmal doch noch in Erinnerungen?
Eigentlich nicht. Ich hatte eine schöne Zeit, aber wie gesagt: man darf nicht zurückschauen. Meine Trikots, die signierten Fotos und so weiter habe ich alles meinem Sohn geschenkt. Mir gibt das einfach nichts mehr. Es ist zwar schön, wenn man alte Weggefährten trifft und mit denen noch ein Bier trinken kann, aber die Zeit ist vorbei. Ich muss im Hier und Jetzt leben.