Partys, Pils, Polizeischutz: Die wilde Karriere des Michael Krätzer

»Schlappner zwang mich, verletzt zu spielen«

Abgesehen von den klaren Ansagen: Was war zu Ihrer Zeit anders, verglichen mit heute?
Früher war es schon härter. Ich erinnere mich noch gerne an die Aufstiegsrunde 1991/92. Rückspiel gegen Homburg. Mein Gegenspieler Neale Marmon streckte mich direkt mit dem Ellenbogen nieder, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Beim nächsten langen Ball sind wir beide hoch zum Kopfball, nur der Ball hat mich da nicht mehr interessiert. Ich habe ihm in der Luft eine mitgegeben und gesagt, wir können das Spiel zu Ende spielen und schauen, wer von uns am Ende vom Platz geht. Vor ein paar Jahren traf ich Neale wieder. Er meinte zu mir: »Leute wie wir fehlen einfach. Heute gibt es nur noch Weicheier!«
   
Gibt es sonst noch Unterschiede?
Die Trainer hatten früher mehr Macht. Ein Beispiel: Wir hatten Darmstadt vor der Brust und ich hatte gerade einen Rippenbruch auskuriert, fühlte mich überhaupt nicht fit. Das war meinem damaligen Trainer Klaus Schlappner scheißegal. Er kam in die Kabine und zischte mir zu: »Entweder du spielst jetzt oder nie wieder!« So etwas ginge heute gar nicht mehr.

Apropos Trainer: Sie haben unter einigen Trainergrößen wie Rüdiger Abramczik und Peter Neururer spielen dürfen. Welche sind Ihnen besonders schlimm oder gut in Erinnerung geblieben?
Klaus Schlappner war schon ein ziemlicher Menschenfeind. Beim Torschusstraining hat er das Tor immer in die Nähe von ein paar Rentnern gestellt, die uns dabei zugeschaut haben. Seine Ansage: »Wer einen Rentner trifft, hat Feierabend!« Menschlich und sportlich verehre ich immer noch Peter Neururer. Von ihm habe ich auch meinen eigentlichen Spitznamen »Doc«.

Wieso hat er Sie so genannt?
Das passierte nach dem ersten Spieltag der Zweitliga-Saison 1991/92 gegen, na klar, Waldhof Mannheim. Es war schweineheiß. Wir haben das Spiel noch zu einem 2:1 gedreht, einen Tag später titelte die »Bild«-Zeitung »Die vier Michael (Krätzer, Preetz, Kostner, Nushöhr, d. Red.) überragten. Nur der Trainer hat Mühe, sie auseinander zu halten.« Es gab tatsächlich ein paar Abstimmungsprobleme, wenn jemand einfach nur »Micha« rief. Deshalb bekamen wir alle Spitznamen. Preetz wurde zu »Langer«, Kostner zu »Balu«, Nushöhr zu »Nussi«, nur für mich hatten wir noch keinen. Ich habe ihm aufgrund der Hitzeschlacht gegen Waldhof »Sunny« vorgeschlagen. Er verstand es wohl nicht richtig und konterte: »Was soll’n die Scheiße!? Du bist der Doc und nicht der Sani!«
 
Und zum Dank haben Sie Neururers Porsche geschrottet?
Das Gerücht hält sich hartnäckig. Ich habe ihm lediglich den Porsche abgequatscht, um in die Disco zu fahren. Irgendwann gingen die Bremsen nicht mehr, aber ich bemerkte das Warnlicht nicht. Als Neururer am nächsten Tag mit seinem Porsche los wollte, konnte er mit gerade so einen Crash verhindern. Geschrottet wurde der Porsche allerdings nie.

Apropos Disco: Sie haben es auch abseits des Platzes ganz gut krachen lassen, oder?
Ich war eigentlich kein Vollprofi. 25 Zigaretten am Tag waren normal, gerne auch mal eine vorm Spiel. Zu einem Bierchen hab ich nie nein gesagt – und zu den Frauen auch nicht. Mit der gesamten Mannschaft sind wir regelmäßig feiern gegangen. Ich erinnere mich gerne an diese Story: Nach dem DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt 1991 spielte Westernhagen im Saarbrückener Ludwigparkstadion. Die ganze Mannschaft hatte Karten. Doch dann ging das Spiel in die Verlängerung und schließlich musste ich noch ewig auf Thomas Kristl warten, weil der bei der Dopingkontrolle einfach nicht pinkeln konnte. Die Zeit rannte. Während ich auf Thomas wartete, musste ich bestimmt zehnmal aufs Klo, weil ich so viel gesoffen hatte. Doch er kam einfach nicht. Als er es endlich geschafft hatte, war der Rest der Mannschaft schon unterwegs zum Konzert. Wir haben uns dann spontan entschlossen, so wie wir waren, in die »Tennis Bar« nach Bad Homburg zu fahren. Die war legendär. Richtig teuer. Nur ausgesuchtes Publikum. Dresscode. Und plötzlich stehen Thomas Kristl und ich im Trainingsanzug und Badelatschen vorm Einlass. Die Türsteher-Jungs waren Fußballer aber schon gewohnt und haben uns durchgewunken. Zum Entsetzen der anderen in der Warteschlange. Das war uns egal, wir wollten ja nur einen naschen. In der »Tennis Bar« sind einige Bundesligagrößen ein- und ausgegangen. Und die kamen nicht nur wegen der Musik. Ich kann mich noch an einen Abend mit Andy Brehme und Lothar Matthäus erinnern. Die waren eigentlich beste Freunde, aber am Ende so besoffen, dass die sich auf Klo gesiezt haben.