Paderborns Trainer Steffen Baumgart im großen Interview

»Es geht darum, den Zuschauern etwas zu bieten«

Sie spielten für Rostock, Wolfsburg, Union Berlin, Cottbus und den 1. FC Magdeburg. Sie haben unter 21 Trainern in Ihrer Profikarriere gearbeitet. Müsste das eigentlich nicht reichen, um zu sagen: Das möchte ich niemals werden.
Naja, das heutige Berufsprofil hat mit dem damaligen Trainerdasein nicht mehr viel zu tun.

Trainer werden noch schneller vor die Tür gesetzt.
Den Verschleiß habe ich nicht gemeint. Heute müssen Trainer viel mehr erklären, warum der Ball in diese oder jene Richtung läuft. Es wird alles hinterfragt. Weil jeder eine Meinung zu dem hat, was er auf dem Platz sieht.

Haben Sie Vorbilder? 
Hatte ich nie, auch als Kind nicht. Es gab Spieler wie Joachim Streich oder Marco van Basten, die besondere Erscheinungen waren, denen ich aber nie nachgeeifert habe. Was die konnten, werde ich nie beherrschen. Bei Trainern wie Andreas Zachhuber, Petrik Sander, Wolfgang Wolf habe ich einiges mitgenommen. Die kamen nie überkandidelt daher, sondern habe klare Anweisungen verteilt. Mit denen konnte ich mich auch mal streiten. Damit kam ich sehr gut zurecht. 

Gibt es eine Situation, die Ihnen da in Erinnerung geblieben ist?
Och, ich habe mich mal mit Petrik Sander etwas lauter unterhalten…

Sie haben sich gestritten.
Und wie! Ich war der Ansicht, dass ich mal wieder spielen müsste. Patrick Sander sah das anders. Wir haben uns in seinem Büro angebrüllt, danach war es ausgeräumt. Ich war kein Spieler, der sich damit zufrieden gab, wenn der Trainer sagte: »Du spielst nicht.« Ich habe dann doch (überlegt.)… das Gespräch gesucht und war immer Fan klarer Worte.

Sie sagen selbst, dass Sie Spieler haben wollen, die sich mit Ihnen auf Augenhöhe befinden. Welche Rolle spielt das bei der Kaderzusammenstellung? 
Eine geringe. Hier in Paderborn haben wir eine klare Philosophie. Hier wird kein Spieler geholt, weil ich sie will, sondern weil der Spieler über Fähigkeiten verfügt, die dem Verein weiterhelfen. Ich mache mir dann ein konkretes Bild davon, wenn der Junge dann da ist. Und mir ist es relativ egal, wie er vorher aufgetreten ist. Solange er hier mitziehen will. Das ist auch eine Art von Augenhöhe.

Zu Beginn Ihrer Trainerkarriere sagten Sie, angesprochen auf Ihre Spielphilosophie: »Die habe ich…« 
Ja.

»… aber Sie werden mich nie groß davon reden hören.« Warum nicht?
Weil ich das unnötig finde! Dass ich offensiv spielen will, kann jeder sehen. Wenn Kollegen nach einem Spiel erzählen, dass sie in den ersten 45 Minuten fünfmal das System umgestellt haben, muss ich mich zusammenreißen. Weil sie gerne unterschlagen, dass der Ball dabei nicht einmal die Mittellinie überquert hat. Deshalb halte ich von diesem Philosophie-Gerede nicht viel, ich beweise die Dinge lieber auf dem Rasen.

Aber es wird doch sicher Aspekte geben, die Ihnen wichtig sind.
Natürlich! Eine stabile Defensive ist wichtig. Das bedeutet aber nicht, tief zu stehen. Es ist entscheidend, hinten kontrolliert herauszuspielen. Lange Bälle zu vermeiden und wirklich Fußball zu spielen. Aber: Als Erstes geht es um Mentalität. Laufbereitschaft und Leidenschaft. In diesen Momenten ist Fußball gewissermaßen eine Kampfsportart.

Brechen Sie den Fußball aufs Wesentliche herunter, um sich den komplizierten Fragen zu entziehen?
Nein! Fußball ist zu allererst Laufen, Kämpfen, Leidenschaft. Ich sehe Mannschaften, da können Spieler sieben verschiedene Positionen bekleiden, aber am Ende stehen sie trotzdem alle hinten drin. Weil das Wesentliche fehlt.

Sie sagen: »Der Fußball wird zu kompliziert gemacht.« 
Ja, wenn ich mir anhöre muss, wie Spiele auseinandergenommen und erklärt werden. Wie viel in »taktische Raffinessen« hineininterpretiert wird, nur weil ein Trainer mal Anweisungen auf einem Zettel reingegeben hat. Es hört sich immer an, als wäre der Trainerjob eine Doktorarbeit. Aber das ist es nicht. Es geht darum, die Jungs ans Laufen zu bringen, Spaß zu vermitteln und den Zuschauern etwas zu bieten.