Otto Rehhagels Co-Trainer Ioannis Topalidis im Interview

»Plötzlich spielten alle verrückt!«

Heute vor 15 Jahren wurde Griechenland sensationell Europameister. Wenn einer das hellenische Wunder von 2004 erklären kann, dann Ioannis Topalidis. Als Co-Trainer war er Otto Rehhagels engster Vertrauter - und Übersetzer mit eingebautem »Topalidis-Filter«. 

Otto Rehhagels Co-Trainer Ioannis Topalidis im Interview

Ioannis Topalidis, im Oktober 2001 holte Sie Otto Rehhagel als Co-Trainer und Übersetzer zur griechischen Nationalmannschaft. Wie kam es dazu?
Als klar war, dass Rehhagel Griechenland trainiert, habe ich versucht, mich ins Gespräch zu bringen. Irgendwann klingelte dann mein Telefon, Otto meldete sich: »Hallo, hier ist Otto Rehhagel, ich würde mich gern mit Ihnen treffen.« Ich dachte, dass ein Freund ein Späßchen mit mir macht, habe aber zum Glück ganz gut reagiert. Eine Woche später, am 6. Oktober 2001, war ich beim Spiel gegen England mit dabei. 

Stimmt es, dass Sie tatsächlich der einzige Mitarbeiter von Otto Rehhagel waren? 
So ist es. Bis zum Jahr 2008 waren wir nur zu zweit, Trainer und Co-Trainer. Die Trainerteams unserer Gegner bestanden meist aus sechs oder sieben Mann. Aber das war kein Problem, denn Otto ist eine ganz große Persönlichkeit. Er hat immer das gemacht, wovon er überzeugt war und sich nicht reinreden lassen. 

Welche Ziele hatte Sie intern vor der Europameisterschaft 2004 in Portugal ausgegeben?
Wir hatten uns zuvor in einer schweren Qualifikationsgruppe durchgesetzt. Unter anderem hatten wir in Spanien mit 1:0 gewonnen. Eine sensationelle Leistung! Wir wussten also, dass wir eine wettbewerbsfähige Mannschaft hatten. Keine Topmannschaft, aber eine, die nicht so leicht zu schlagen war. Wir wollten Griechenland mit Stolz vertreten. Das ist uns dann ja auch gelungen. Wir überstanden die Vorrunde und räumten im Viertel- und Halbfinale auch noch Frankreich und Tschechien aus dem Weg. 

Wie hat sich die Stimmung im Verlauf des Turniers gewandelt?
In Griechenland herrschte eine riesige Euphorie über den Einzug ins Viertelfinale. Die Leute waren schon froh, dass wir uns nicht in der Vorrunde blamiert hatten. Wären wir im Viertelfinale gegen Frankreich rausgeflogen, hätte uns das niemand übel genommen. Nachdem wir aber auch dieses Spiel gewonnen hatten, spielten plötzlich alle verrückt. Auch intern begannen wir daran zu glauben, dass noch viel mehr möglich sein könnte. Nur Otto hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er war immer auf demselben Level. Er hat sich natürlich auch gefreut, aber er ist nie wirklich ausgeflippt.  

Auch nicht, nachdem Ihre Mannschaft mit 1:0 das Finale gegen Portugal gewann?
Doch, das war Wahnsinn! Wir sind alle durchgedreht. Otto ist aufs Feld gestürmt und hat alle Spieler umarmt. Später ist der Premierminister in unsere Kabine gekommen und hat uns beglückwünscht. Rehhagel ist zu einer Legende geworden. Mit Deutschland Europameister werden oder mit Bayern die Champions League gewinnen – das können viele. Aber mit Griechenland den Titel zu holen, ist einmalig. Noch heute fragen mich alle nach ihm. Rehhagel ist ein Highlight in Griechenland. 

Außerhalb Griechenlands gab es allerdings Kritik an der antiquierten Spielweise Ihrer Mannschaft, die sich vor allem auf das eigene Abwehrbollwerk verlassen hat.
Wir haben gegen sehr gute Mannschaften gespielt, da mussten man auf die Abwehr achten. Gegen eine Mannschaft wie Portugal, die Spieler wie Cristiano Ronaldo, Luis Figo und Pauleta in ihren Reihen haben, kann man nicht offensiv spielen. Die hauen dir sonst vier oder fünf Dinger rein.

Sie waren nicht nur Co-Trainer sondern auch Übersetzer. Im 11FREUNDE SPEZIAL »Das waren die Nuller« schreibt Johannes Ehrmann in »Die Zwei« vom so genannten »Topalidis-Filter«. Klären Sie uns auf, was ist das? 
Ich habe nicht alles Eins zu eins übersetzt. Wenn Otto die Mannschaft mit »Meine Herren« begrüßte, sagte ich dann einfach »paidia«, was so viel bedeutet wie »Meine Kinder«. Wir sind ja nicht in der Politik, wo Angela Merkel mit Giorgos Papandreou spricht und es auf jede Feinheit in der Übersetzung ankommt, um keine diplomatische Krise auszulösen. Das ist Fußball und ich habe in die Sprache der Spieler übersetzt. Wie man sieht: Mit Erfolg.

----
Neun Jahre lang war Ioannis Topalidis Co-Trainer der griechischen Nationalmannschaft unter Otto Rehhagel. Zuvor arbeitete der gebürtige Grieche als Coach einiger schwäbischer Amateurvereine und zuletzt als Co-Trainer bei Hertha BSC. Im 11FREUNDE SPEZIAL »Das waren die Nuller« analysiert Johannes Ehrmann in seinem Artikel »Die Zwei« Topalidis' Rolle beim größten Triumph des griechischen Fußballs, dem Titelgewinn bei der Europameisterschaft 2004.