Osnabrück-Trainer Daniel Thioune über Rassismus

»Auch meine Hautfarbe wird mich nicht stoppen«

Daniel Thioune vom VfL Osnabrück ist der einzige schwarze Trainer im deutschen Profifußball. Wie geht er mit dem Rassismus hierzulande um, wie mit schlechten Berufschancen? Und was hat er sich von Jürgen Klopp abgeschaut?

Mario Wezel

Daniel Thioune, Sie sind in Osnabrück aufgewachsen. Wann haben Sie an der Bremer Brücke zum ersten Mal ein Spiel des VfL Osnabrück gesehen?

Da dürfte ich sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Es war auf jeden Fall an einem Freitagabend unter Flutlicht, denn samstags und sonntags musste mein Vater immer arbeiten. Er war dann unterwegs, um auf Märkten mit Antiquitäten zu handeln.

Ihr Vater stammt aus dem Senegal, wie war es in den achtziger Jahren, als nicht-weißer Junge in ein Fußballstadion zu gehen?

Ich bin immer mit Freunden gegangen und kann mich nicht an besondere Probleme erinnern. Allerdings gab es damals diese »Asylanten, Asylanten«-Sprechchöre, um den Gegner zu beleidigen. Da habe ich nicht mitgerufen, denn bei uns zu Hause waren immer viele Afrikaner zu Besuch, darunter auch Asylanten. Die haben bei uns gegessen, und ich habe sie bis heute als sehr nette Leute in Erinnerung.

Wie war es ansonsten als Kind eines afrikanischen Vaters in Deutschland?

Ich bin im beschaulichen Osnabrück relativ behütet aufgewachsen. Aber wenn man an einer Gruppe Halbstarker vorbeigekommen ist und etwas stärker pigmentiert war, musste man sich halt anhören, dass man nicht die schönsten Schuhe hat. Auch körperlich musste man mal einstecken, aber da war nicht immer klar, ob meine Hautfarbe der Grund dafür war oder meine große Klappe. Und an der Kneipe, wo die Jungs mit den ganz kurzen Haaren und den Springerstiefeln getrunken haben, musste ich natürlich etwas schneller vorbei. Gut, dass ich schnell war.

Wie waren Ihre Erfahrungen als Fußballspieler?

Ich habe lange in Mannschaften gespielt, wo die Trikots keine Rückennummern hatten. Dann hieß es bei den Gegnern: »Nimm du den Neger!« Natürlich war das ein Schimpfwort, aber das fand ich nicht so schlimm. Wenn ich rote Haare gehabt hätte, hätte es wahrscheinlich geheißen: »Nimm den Roten!« Unangenehmer wurde es später in der Bezirksklasse. Wenn wir von Osnabrück aufs Land gefahren sind, waren die Beleidigungen oft bösartig.

Haben Sie wegzuhören versucht oder haben Sie gegengehalten?

Wenn mich eine Provokation verletzt hat, habe ich den Mund aufgemacht und ein paar Dinge gesagt, die nicht zitierfähig sind. Ich musste als Mensch reifen, um besser damit umgehen zu können.

Nämlich wie?

Ich habe es als Motivation genommen, es den Leuten zu zeigen.

Aber hat so was nicht Grenzen?

Klar, ich habe auch mitbekommen, was mit meinen guten Freunden Otto Addo und Gerald Asamoah 1998 bei der Relegation mit Hannover 96 in Cottbus passiert ist. Als sie dort mit Steinen beworfen wurden und das Publikum »Neger raus« gerufen hat. Ein Jahr später durfte ich ähnliche Erfahrungen machen, als ich mit dem VfL Osnabrück in der Relegation zur zweiten Liga in Chemnitz gespielt habe.

Was ist da passiert?

Das Bild, das sich mir am tiefsten eingebrannt hat, ist das von einem Ordner, der den Swoosh von Nike auf seinem Shirt hat. Aber darüber stand nicht »Nike«, sondern »Nazi«. So was kannte ich nicht. Wenn dann auch noch 12 000 Zuschauer singen »Haut den Neger um«, fühlt man sich bei dem abgeholt, was Gerald und Otto ein Jahr zuvor erlebt hatten.

Hat Sie das eingeschüchtert?

Absolut! Dann spielt man keinen Fußball mehr, sondern fragt sich, was eigentlich passiert, wenn man gewinnt. Nach fünf Minuten habe ich eine Flanke vors Tor geschlagen, die fast reingegangen wäre. Anschließend war ich froh, dass das nicht passiert ist. Dass wir unter den Umständen nicht aufgestiegen sind, dürfte niemanden wundern.