Olli Schulz über Kutten, Werder und Happel

»Werder ist der kleinere Verein«

Gibt es eigentlich Leute vom HSV, bei denen Sie sich freuen würden, wenn sie zu Ihrem Konzert kämen?
Auf jeden Fall. Bei Barbarez zum Beispiel. Der hat den gleichen Friseur wie ich – einmal saß der neben mir im Friseurstuhl und machte einen äußerst sympathischen Eindruck. Den haben die auch zu früh gehen lassen, hätten ihn noch halten sollen. Doch generell kann man schon festhalten: Fußballer und Musiker sind sehr unterschiedlich. Ich würde sagen: In ihrem Herzen sind oder werden viele Fußballer zu bornierten Spießern.

Gelegentlich kommt es aber doch vor, dass Fußballer bei Konzerten auftauchen.
Ausnahmen gibt es immer. Eger von St. Pauli hat 'nen ganz guten Musikgeschmack. Oder Mehmt Scholl. Obwohl ich da noch nicht mal weiß, ob ihm nicht irgendjemand gesagt hat: Hier Mehmet, mach mal 'nen Sampler mit diesen und jenen Bands.

Wie ist Ihr Verhältnis zu St. Pauli? Liebe? Hass? Hassliebe?
Ich kenne keinen Hass. Und ganz ehrlich: Der Hass kommt immer von den kleineren Vereinen. Bestes Beispiel: Werder Bremen.

Werder ist der kleinere Verein?
Auf jeden Fall.

Stichwort: Uefa Cup-Halbfinale. (Werder-Fan Gieselmann nippt triumphierend am Bier, HSV-Fan Bock versinkt im Sessel)
(Kleinlaut) Okay, Werder ist der erfolgreichere Verein in den letzten 20 Jahren gewesen. Und ich beneide den Klub für den Trainer und die loyalen Fans. Welche Mannschaft hat seit zwölf Jahren denselben Trainer? Aber da hängt doch noch viel mehr dran. Hamburg ist eine Weltstadt, hat einen großen Namen. AC/DC haben diesen Sommer in Bremen gespielt und Brian Johnson sagte nach jedem Lied: »Thank you, Hamburg!« Der dachte, Bremen sei ein Vorgarten von Hamburg. Um mich herum standen alle mit 'ner Fresse bis auf den Boden.           

Die kleinere Stadt bringt den erfolgreicheren Verein hervor. Das muss Sie doch beschäftigen.
Ach, wenn ich mich jedes Mal über dumme Entscheidungen oder schlechte Spiele aufregen würde oder darüber, welcher Verein nun besser als der HSV steht... Das Ding ist doch: Ich bin in Hamburg aufgewachsen, direkt am Volksparkstadion. Das prägt. Und nun 'ne Phrase: Ein richtiger Fan leidet eben auch. Vielleicht bin ich auch nicht so sehr mit Haut und Haaren Fan, es gab einige Saisons, in denen ich ausgestiegen bin. Mit 20 wollte ich lieber auf Punk- und Hardcore-Konzerte gehen oder Mädchen kennen lernen, und nicht am Samstag beim Fußball abhängen. Doch jetzt, wo sich auch familiäre Strukturen bei mir bilden, kommt die Begeisterung wieder. Die letzten vier Saisons habe ich alle verfolgt.

Mal angenommen, Sie wären unglaublich reich. Würden Sie sich einen Verein kaufen so wie Ihr Elton John?

Nö. Zuviel Stress. Einen Spieler würde ich mir kaufen, als Kapitalanlage. Und dann richtig heiß halten. Strandläufe, wenig zu essen geben. Es ist doch paradox: Alle reden von der Weltwirtschaftskrise, aber im Fußball zirkuliert immer mehr Geld. Noch ist genug Kultur im Fußball, die mich versöhnt. Aber es wird immer weniger.

Wir machen uns Sorgen um den Fußball, dabei geht es ihm offenbar immer besser.
Ich glaube, dass viele Fans insgeheim denken: »Was machen die eigentlich mit uns?« Aber die Lust auf Protest ist nicht bei allen gleich.

Wenn nun beim HSV ein Scheich einsteigen und 100 Millionen in den Klub pumpen würde – würden Sie protestieren?
Gemeine Frage. Wenn ich bedenke, dass wir dann van der Vaart zurückholen könnten und dauerhaft oben mitspielen...  Ach, es ist kompliziert.

Sven Regener von Element Of Crime sagte neulich zu uns, er sei froh, dass er nicht Bayern-Fan geworden sei. Er meint, dann hätte er heute wegen des ständigen Erfolgs einen ziemlich flachen Charakter.

Kann ich nachvollziehen, aber ich persönlich lasse den HSV dann doch nicht so nah an mich ran. Obwohl: Ich hatte mal HSV-Bettwäsche, auf dem Kopfkissen war das Gesicht von Uli Stein.

Sind Sie mal schreiend aufgewacht?
Kann sein. Aber dann habe ich schnell Felix Magath auf der Bettdecke angeguckt. Der sah so lieb aus.

Seht im Video-Podcast, wie Olli Schulz und Trevor Wilson die besten Fußball-Singles der Musikgeschichte hören. Von Tennessees »Fußball-Lied« über Will Höhnes »Der Theodor im Fußballtor« bis Kevin Keegans »It ain't easy«.