Olli Dittrich über seine Liebe zum HSV

»Bei der Achterbahnfahrt fallen einem keine Gags mehr ein«

Ihre Nähe zum HSV kennen ja nicht nur „Dittsche“-Fans. Wie würden Sie Ihren aktuellen Beziehungsstatus zum Verein bezeichnen?

Wir führen eine solide Ehe, die auf und ab geht, die gute und schlechte Zeiten erlebt und sich frühzeitig ewige Treue geschworen hat. Ich habe dieses Bekenntnis zu meinem HSV mit sechs oder sieben Jahren abgegeben, auch wenn es in Hamburg noch andere tolle Traditionsvereine gibt, wie den FC St. Pauli, Concordia Hamburg, SC Victoria oder Altona 93. Aber der große Held meiner Kindheit und Jugend spielte eben mit der Raute auf der Brust. Damit war das besiegelt.

Wer war es?

Der Schlüssel war Uwe Seeler. Ich wollte als Kind erst Schlagersänger, dann Fußballprofi werden, und meine größten Helden waren Freddy Quinn und Uwe Seeler.

Wann sind Sie Uwe Seeler das erste Mal persönlich begegnet?

Eine Geschichte, die ich schon oft erzählt habe: Ich war elf oder zwölf Jahre alt. Damals gab es noch das Stadion am Rothenbaum, dort trainierte auch die Profimannschaft. Es war tiefer Winter, ich fuhr mit der U-Bahn aus Langenhorn bis zur Haltestelle Hallerstraße und marschierte zum Seiteneingang des Stadions. Endlich ein Original-Autogramm von Uwe Seeler wollte ich haben, direkt in mein Aral-WM-Sammelbilderbuch, das mir meine Offenbacher Oma 1966 zu Weihnachten geschenkt hatte. Nach ewigem Warten bis Trainingsende kam Uwe endlich aus der Kabine, frisch geduscht, der Kopf und das ordentlich gescheitelte Haar dampften noch. Ein schönes Bild. Aber dann war die Mine vom Kugelschreiber in der Kälte zugefroren. Uwe versuchte mehrfach seinen Namen in die Karte zu kratzen, gab mir das Buch wieder und sagte: »Kauf dir mal einen vernünftigen Stift, Junge!« Das werde ich nie vergessen. Über dreißig Jahre später saßen wir dann zusammen in einer TV-Sendung, ich hatte mein altes Sammelalbum dabei und habe Uwe nochmal richtig unterschreiben lassen. 

Inwieweit ist der HSV aus Sicht eines Comedians, der Tragik und Komik austariert, dankbarer Stoff?

Ach, es geht so. Muss ja auch nicht sein, die aktuelle Saison gibt doch Grund zur Zuversicht, ein vielversprechender Start! Und bei der Achterbahnfahrt, die der HSV seinen Fans in den letzten Jahren zugemutet hat, fallen einem irgendwann sowieso keine Gags mehr ein. 

Aber da, wo sich Tragik und Humor treffen, ist es doch am Spannendsten.

Natürlich. Loriot hat mal sehr treffend gesagt: Lustig wird es immer dann, wenn etwas Ernstes schiefgeht. Seine Späße zu treiben, auch wenn es sehr traurig zugeht – das ist schon ok, solange die Gags gut und nicht geschmacklos sind und niemanden denunzieren. Alles was die Not lindert und den Moment der größten Schmach erträglich macht, ist erlaubt. Die Tatsache, dass der HSV einen miserablen Kick abgeliefert, ein Spiel verloren hat oder gar abgestiegen ist, gibt für mich nach Jahren sich wiederholender Rückschläge und dem Tanz auf dem Relegations-Seil nichts mehr her. Bei „Dittsche“ ist der HSV seit Jahren natürlich immer wieder Thema, aber eher in abwegigen Lösungsvorschlägen nach Niederlagen oder in Verschwörungstheorien, woran es diesmal wieder gelegen hat. Dittsche macht eigentlich keine Gags im herkömmlichen Sinne, er ist kein Comedian mit einem Eimer voller Kalauer, sondern ein Geschichten-Erzähler. Und er guckt immer von unten nach oben auf Dinge und Menschen, nie umgekehrt. Auch im Fußball natürlich.

Zum Beispiel?

Naja, zum Beispiel könnte Dittsche sich fragen: »Warum tragen die meisten Fußballer heutzutage diese bunten Schuhe in Leuchtfarbe?« Dann würde er grübeln, den ganzen absurden Kosmos abklopfen und eine für ihn plausible Antwort suchen. Und vielleicht sagen: »Es ist eine reine Unklarheit. Das gab’s ja früher nicht, da hatten alle schwarze Schuhe mit weißen Streifen drauf und fertig. Es kann hier also nicht mit rechten Dingen zugehen.« Und dann denkt er weiter nach. Geht alle Vorgänge rund um das Spiel, Mannschaften, Stadien, Ausrüstung durch und sieht plötzlich alles ganz klar: »Bidde!!....jetz...ma sagn...wahrscheinlich haben sie die Leuchtfarbenschuhe, um beim Heranlaufen den gegnerischen Torwart zu blenden. Vor allem, wenn Flutlicht angeht. Denn leuchtet der gelbe oder orangene Stollenschuh so stark, dass der Torwart, wenn er den Stürmerfuß länger aufmerksam verfolgt, irgendwann nur noch einen hellen Strich sieht, praktisch eingebrannt auffe Pupille. Wie wenn man vom Fotoblitzgewitter kurzzeitig erblindet. Am fiesesten ist es aber, wenn der Stürmer rote Schuhe anzieht. So wie Lewandowski. Kein Wunder, dass der so viele Tore schießt. Denn wird nämlich die rote Leuchtschuhfarbe auffe Netzhaut vom Torwart inner Komplementärfarbe abgebildet, also in Grün ma sagn und die Füße verschwinden dadurch optisch im Rasen. Denn weiß der Torwart überhaupt nicht mehr, wo Lewandowski hinläuft und von wo er der Ball schießen will. Eine reine optische Täuschung mit voller Absicht ist das. Reiner Betruch!« Aber Dittsche hat auch noch eine andere Idee: »Die bunten Schuhe sind vielleicht auch eine Auflage vom Naturschutz, ma sagn. Im Stadionrasen wohnt ja auch das blinde Kerbeltier! Regenwürmer, Borkenkäfer, Besucherschaben – das ganze Programm. Die wollen natürlich auch Fußball gucken, wenn mal ein Spiel ist und stecken nach dem Anpfiff ihre Köpfe aus dem Erdreich. Regenwürmer haben aber sehr, sehr schlechte Augen und sehen so einen Timo Werner oder früher Aubameyang gar nicht rechtzeitig kommen. Die brettern da mit 34 km/h über den Acker. So ein ehrlich gemeinter Leuchtschuh hat dann eine reine Frühwarnfunktion, den sieht die Kerbelschabe schon von weitem und sagt den Regenwürmern Bescheid sagen und alle ziehen rechtzeitig den Kopf ein, bevor die Schraubstolle sie platt macht.«