Oliver Scheel über die HSV Supporters und Capo Jojo

»Der junge Mann mit Hummeln im Arsch«

Im 11FREUNDE Bundesliga-Sonderheft erzählen wir die Geschichte des HSV-Vorsängers Jojo Liebnau. Mit seinem ehemaligen Wegbegleiter und heutigen Vorstandsmitglied Oliver Scheel sprachen wir über Medienhysterie, Schmährufe und Pyro. Oliver Scheel über die HSV Supporters und Capo JojoImago
Heft#117 08/2011
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Oliver Scheel, Sie gehörten 1993 zu den Gründungsmitgliedern des HSV Supporters Club. Um was ging es der Gruppe?

Oliver Scheel: Zunächst mal wollten wir vermeintliche Kleinigkeiten verändern. Wir nahmen uns etwa der bis dahin stiefmütterlichen Planung von Auswärtsfahrten an. Oder wir kümmerten uns um die Organisation von Amateurspielen, wir stellten Ordner, verkauften Wurst. Wenn man zuvor als einzelner Fan oder gewöhnlicher Fanklub bei den Vereinsverantwortlichen vorsprach, kam man sich nicht selten vor wie ein Bittsteller. Das wollten wir ändern. Die einzige Möglichkeit, etwas zu bewegen, sahen wir darin, selbst eine Abteilung des Vereins zu werden.

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Eine fanklubübergreifende Organisation war bis dato einzigartig in Deutschland. An welchen Modellen orientierte sich der HSV Supporters Club?

Oliver Scheel: An den Supporters Clubs in England, dort gab es solche Vereinigungen bereits seit vielen Jahren. Anfangs wurde unsere Gruppe von vielen alten HSV-Mitgliedern skeptisch gesehen. Doch je mehr wir machten, desto mehr positive Feedback erhielten wir. Die »Supporters News«, unsere Abteilungszeitung, war dabei ein wichtiges Sprachrohr, mit der wir auch konstruktive Kritik an Vereinspolitik üben konnten.

1996 kandidierten Sie gemeinsam mit Christian Reichert zum Aufsichtrat. Woran scheiterte die Wahl?

Oliver Scheel: Wir haben damals Kritik aus den eigenen Reihen bekommen, denn die Kandidatur wirkte auf viele wie ein Affront gegen den amtierenden Präsidenten Uwe Seeler. Die Leute hatten Sorge, dass im Kontrollgremium keine vorgeschlagenenen Kandidaten von Seeler sitzen, sondern vermeintlich subversive Fans. Dennoch konnte man die Reaktionen nicht mit der Hysterie vergleichen, die anno 2009 rund um Johannes Liebnaus AR-Kandidatur herrschte. Es gab sogar TV-Berichte, zum Beispiel im NDR, die durchweg positiv waren.

Heute hat der Supporters Club knapp 60.000 Mitglieder – so viel wie keine andere Fanorganisation eines Bundesligisten. Was bedeutet das für die aktuelle Vereinspolitik?

Oliver Scheel: Das hängt immer davon ab, wie geschlossen sich die Mitglieder positionieren, denn im Supporters Club sitzen die unterschiedlichsten Fans. Vom Rechtsanwalt und Logen-Besucher über den Bauarbeiter und Fleischfachverkäufer bis zum Studenten und Ultra auf den Stehrängen ist alles vertreten. Was man bewirken kann, wenn man als Kollektiv auftritt, zeigte 2005 die Debatte zur Ausgliederung. Der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann wollte damals die Profifußballabteilung in eine GmbH oder AG ausgliedern, sehr zum Unmut vieler Mitglieder. Bei der Veranstaltung, auf der er dieses Vorhaben präsentierte, zeigten sich die Mitglieder untereinander solidarisch. Das Vorhaben wurde gestoppt. Die Ausgliederung wurde bis auf weiteres verschoben.

Sie waren damals Abteilungsleiter des Supporters Club. Johannes Liebnau war Ihr Stellvertreter. Wie arbeiteten Sie zusammen?

Oliver Scheel: Ich kannte Jojo bereits seit 2002. Wir harmonierten sehr gut. Ich war der etwas ältere Jurist, etwas trockener, er der junge Mann mit Hummeln im Arsch. Wir sind Freunde geworden.

Heute steht Johannes Liebnau als Vorsänger auf dem Zaun der HSV-Nordtribüne. Sie sind Mitglied des Vorstandes. Harmonieren Sie immer noch?

Oliver Scheel: Die Chosen Few (Ultra-Gruppe von Johannes Liebnau, d. Red.) war für mich immer eine Art außerparlamentarische Organisation, die ich bis heute für das Vereinsleben als immens wichtig ansehe. Mein Platz im Stadion ist auch nicht weit weg von ihm und bei Auswärtsspielen stehe ich auch häufig im Block. Doch natürlich sind Jojo und ich auch gelegentlich unterschiedlicher Meinung, etwa in Sachen Pyrotechnik oder was den Stil des Supports angeht. Ich stehe eher auf den situationsbezogenen britischen Support.

Wie reagierten Sie auf die Medienberichte zu Johannes Liebnaus Kandidatur im Januar 2009? Als Freund oder als Vorstand?

Oliver Scheel: Ich musste mich als Vorstand aus der Sache raushalten. Als Freund hatte ich mir damals allerdings gewünscht, dass sich engagierte und ältere Mitglieder schützend vor ihn gestellt hätten.

Die Presse hielt ihm vor allem die Schmähgesänge in der Kurve vor. Wer »Tod und Hass dem SVW« singt, könne kein Aufsichtsrat werden. Wie sahen Sie das?

Oliver Scheel: Natürlich sind Wahlen auch immer von Taktik geprägt. Vielleicht war die Chosen Few in diesem Punkt tatsächlich zu unerfahren, im Vorfeld zu wenig diplomatisch.

Einige Leute warfen ihm Machtgeilheit vor.

Oliver Scheel: Völliger Blödsinn.

Liebnau sagte, dass er auch als Mitglied des Aufsichtsrates weiterhin der Capo der Nordtribüne bleiben wollte.

Oliver Scheel: Er wollte sich nicht verbiegen lassen, das finde ich richtig. Ich finde auch nicht, dass sich das ausschließen muss: Capo und Aufsichtsrat. Die 90 Minuten im Block sollte man niemals zu hoch bewerten.

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