Oliver Reck über seinen Stiefsohn Pierre-Michel Lasogga

»Pierre wurde nie etwas geschenkt«

Kein Wunder, dass aus dem mal was wird – er hatte ja einen guten Lehrer. Doch warum wurde Oliver Recks Stiefsohn Pierre Lasogga nicht Torwart? Und wieso hieß der Held seiner Jugend Böhme und nicht Reck? Wir fragten beim Ex-Keeper nach. Oliver Reck über seinen Stiefsohn Pierre-Michel Lasogga

Oliver Reck, es gibt ein Foto vom Schalker Pokalsieg 2002, auf dem Ihr Stiefsohn Pierre-Michel Lasogga den Pokal berührt. Damals war er elf Jahre alt und Sie vermutlich sein Held. Wieso wurde er nicht Torwart?

Oliver Reck: Sein eigentlicher Held hieß Jörg Böhme, der in dem Pokalfinale von 2002 zwei Tore schoss. Pierre mochte seine Spielweise, dieses Unvorhersehbare, diesen Funken Genialität. Noch heute haben beide guten Kontakt. Und Torwart? Nun, Pierre spielte bereits als Stürmer in der Jugend des FC Schalke und hatte schon damals die besten Voraussetzungen für diese Position: Er war talentiert, kopfball- und schussstark, er verfügte über das bekannte Näschen. Kurzum: Er hatte alles, was einen guten Stürmer auszeichnet.

Wie sah Pierre Lasoggas Jugend aus?

Oliver Reck: Es gab nur Fußball. Egal, wo wir auch waren – im Park, im Garten, bei Freunden –, der Ball musste stets mit. Und an den Wochenenden ging es ins Parkstadion. Pierre hatte schon sehr früh eine Dauerkarte, er ist ja in der Nähe des Stadions aufgewachsen.   

War es für ihn umso tragischer, dass er sich bei seinem Lieblingsverein nicht durchsetzen konnte?

Oliver Reck: Er hat bis zur C-Jugend für Schalke gespielt, dann sagte man ihm, dass es schwer würde. Er hing zwar an dem Verein, doch hatte eben auch dieses klar formulierte Ziel vor Augen: Fußballprofi. Also suchte er sich eine neue Herausforderung. Es war die richtige Entscheidung, denn er fortan spielte er überall in der Stammelf, zumeist in den höheren Jahrgängen. Als 17-Jähriger beim VfL Wolfsburg war er Teil der U19, und als Spieler der zweiten Mannschaft von Bayer Leverkusen trainierte er über ein halbes Jahr mit den Profis. All das kommt ihm heute zugute.

Seine Mutter sagte einmal: »Er hat nie den einfachen Weg gewählt. Er wollte nie etwas geschenkt haben.« Was meinte sie damit?

Oliver Reck: Tatsächlich wurde Pierre zu Schalker Zeiten weniger gefördert als andere. Generell wurde ihm von Vereinsseite nie etwas geschenkt. Ihm war also stets klar, dass er ein bisschen mehr machen musste als andere.

Wer wurde denn mehr gefördert?

Oliver Reck: Zum Beispiel Joel Matip. Er ist der gleiche Jahrgang wie Pierre. Letztendlich muss man ja auch sagen, dass Joel zu recht so gefördert wurde. Er ist Nationalspieler Kameruns und gehört zur Stammelf des FC Schalke.

Wie wichtig war eigentlich der Name Oliver Reck in Pierre Lasoggas bisheriger Karriere?

Oliver Reck: Überhaupt nicht. Klar, seine Mutter und ich waren immer für ihn da und ich gebe ihm natürlich Tipps in Sachen Transfers. Doch dass ich sein Stiefvater bin, haben wir nie an die große Glocke gehängt. Letztendlich hat er alle Entscheidungen – seine Wechsel zu Wolfsburg, zu Leverkusen und dann zu Hertha – alleine getroffen.

Gab es denn einen Alternativplan zur Fußballkarriere?

Oliver Reck: Pierre hat Abitur gemacht – er hätte also einen anderen Weg gehen können. Doch bei einem, der mit 16 im Internat des VfL Wolfsburg spielt und dann bei den Amateuren von Bayer Leverkusen 25 Tore in einer Saison schießt, kann man schon sehen, wo der Weg hinführt.

Was haben Sie ihm geraten, als Hertha BSC anfragte?

Oliver Reck: Ich habe einen Wechsel befürwortet. Ich kenne Markus Babbel lange und halte ihn für einen guten Mann. Ich ahnte, dass Pierre zu ihm, der Mannschaft und den Ideen des Klubs passen würde. Hertha wollte einen Neuanfang in der zweiten Liga – das ist eine gute Ausgangssituation für einen jungen Spieler.  

In Berlin galt er zunächst als Ergänzungsspieler – sein Konkurrent war der Zwei-Millionen-Einkauf Rob Friend. Nun hat Lasogga mit 13 Toren in 24 Spielen einen großen Anteil an Herthas Aufstieg. Hätten Sie damit gerechnet, dass er so schnell ankommt?

Oliver Reck: Für einen jungen Spieler ist es erst einmal wichtig, Einsätze zu bekommen. Dass es so gut lief, war allerindgs nicht vorhersehbar. Pierre traf in der Vorbereitung zwar häufig, verletzte sich dann aber. Danach musste er sich erst einmal wieder an die Mannschaft und den Klub gewöhnen. Das ist ihm gut gelungen. Er fühlt sich aktuell richtig wohl in der Stadt und bei dem Verein.

Am Anfang hieß es, dass Pierre Lasogga Übergewicht habe und nicht fit sei. Wie haben Sie auf die Schlagzeilen reagiert?

Oliver Reck: Ach, wir wissen, dass dem nicht so ist. Pierre wiegt ein bisschen mehr, das hat aber mit seiner Körperstatur und seiner Größe zu tun. Er ist 1,90 Meter groß. Und das ist durchaus hilfreich für seine Position.

Der Boulevard ritt trotzdem gerne auf dem neuen Spitznamen »Lasagne« rum.

Oliver Reck: Das interessiert ihn überhaupt nicht.

Sie haben mit dem MSV Duisburg in dieser Saison zweimal gegen Hertha BSC gespielt. Wie ist es denn, gegen ein Familienmitglied zu spielen?

Oliver Reck: Auch wenn darüber viel von Medienseite reingeschrieben wird, versichere ich Ihnen: Das blendet man während des Spiels aus.   

Und am 21. Mai in Berlin? An dem Tag spielen Sie mit Duisburg im Pokalfinale gegen Schalke und treffen auf Ihren einstigen Schüler Manuel Neuer. Bestenfalls lässt er drei Dinger durch die Beine...

Oliver Reck: ...es reicht ja, wenn wir ihm ein Tor einschenken und hinten keins bekommen. Und Sie wissen doch genau wie ich: Manuel Neuer wird keine drei Dinger durchlassen, dazu ist er viel zu gut.

Droht Manuel Neuer bei einem Wechsel zum FC Bayern tatsächlich ein Spießrutenlauf? Schaut man sich die ersten Reaktionen an, könnte man das glatt erwarten.

Oliver Reck: Das wird sich auch irgendwann beruhigen. Jedenfalls auf der Seite der Bayern-Fans. Natürlich muss man auch wissen, dass Schalke-Anhänger nicht so schnell vergessen.

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