Olaf Thon über seinen Dreierpack beim 6:6 gegen den FC Bayern

Die Taktik der Teams war die Idee des Fußballs: Tore schießen.

Nach zwölf Minuten stand es aber schon 0:2. Normalerweise bricht ein Zweitligist gegen so ein Starensemble spätestens dann ein. 
Das stimmt. Ich dachte auch kurz: Das gibt eine richtige Packung. Aber wir machten schnell den Anschluss und egalisierten innerhalb von sieben Minuten. Und ab da war ich mir sicher: Die Bayern sind heute nicht unbesiegbar. Wir hatten ja auch eine tolle Mannschaft: Bernard Dietz, Klaus Täuber, Thomas Kruse, Klaus Berge und wie sie alle hießen. Wir hatten die individuelle Klasse, um mit Erstligamannschaften mitzuhalten. Und wir wussten: Wenn wir alle Energie und Kraft bündeln, sind wir in der Lage eine Spitzenmannschaft zu schlagen. 

Hatten Sie das Gefühl, dass die Bayern-Stars nach dem 2:0 überheblich oder fahrlässig wurden?
Durchaus. Die Bayern zogen sich zurück, schalteten die bekannten Gänge herunter, wahrscheinlich dachten sie, dass sie die verbleibenden 78 Minuten auf Konter spielen können. Doch nachdem wir das 2:2 geschossen hatten, entwickelte sich ein absolut zwangloses Spiel, ein Spiel dessen Handlung ständig einen neuen Verlauf nahm. 

Haben Sie nach Ihrem Tor zum 2:2-Ausgleich in die Gesichter der Bayern-Spieler geschaut? 
Natürlich – sorgenvolle Blicke überall. Und auch wenn Rummenigge vor der Pause die Bayern wieder mit 3:2 in Führung schoss, war ich mir sicher: Die haben richtig Schiss, die sitzen nun in der Kabine und denen schlottern die Knie. Ich kenne das ja aus eigener Erfahrung: Du merkst es als Spieler recht schnell, wenn die Dinge partout nicht so laufen, wie du es dir vorstellst und wenn beim Gegenspieler scheinbar jeder Schuss sitzt, jedes Dribbling passt, jeder Pass ankommt. 

Innerhalb von wenigen Minuten drehten Sie ein verloren geglaubtes Spiel. Begriffen Sie in Halbzeitpause, was da gerade auf dem Feld passiert war? 
Ja. Und wir glaubten daran, dass heute alles passieren kann. Wir hörten die 70.000 Leute draußen auf den Rängen, und wussten natürlich, dass die für uns schrieen. Wir hatten plötzlich so ein Gefühl, dass wir an diesem Tag unschlagbar seien, dass uns selbst ein 2:4 oder 2:5-Rückstand nicht umgeworfen hätte. Meine Motto damals war – wie übrigens heute noch: Nie aufgeben! Und mit dieser Einstellung kamen wir zurück ins Spiel. Zwischenzeitlich gingen wir sogar mit 4:3 in Führung. 

Hatten Sie das Gefühl, dass die Mannschaften, je länger das Spiel dauerte, die taktischen Anweisungen der Trainer über Bord warfen? 
Das Spiel war durchaus von einer gewissen Taktik geprägt – Taktik heißt ja nicht per se, dass man auf Ergebnishalten spielt oder sich in der Defensive verschanzt. Die Taktik der Teams war im Grunde die Idee des Fußballs: Tore schießen. 

Das andere DFB-Pokal-Halbfinale zwischen Gladbach und Bremen endete 5:4 nach Verlängerung. Sind solche Ergebnisse heute überhaupt noch denkbar?
Natürlich stehen die Abwehrreihen heute viel kompakter und dichter. Das Spiel hat sich mehr in die Defensive verlagert. Doch auch heute sind solche Spiele möglich: Ich erinnere nur an die Begegnung Schalke gegen Leverkusen. Es geht immer mehr, es geht immer weiter. Auch wird irgendwann wieder jemand über 8,90 Meter springen. Und genau dieser Gedanke treibt uns Sportler, uns Fußballer und auch uns Menschen an.