Offenbachs Trainer Rico Schmitt über das bizarre Konstrukt Regionalliga

»Bei der Relegation wird es wieder Vorfälle geben«

Das Ligensystem der Regionalliga steht in der Kritik. Plädieren Sie für eine Reform?
Fischer: Die Kollegen in Essen treiben das in der Regionalliga West voran. Es ist schwierig, die Vereine haben sich damals auf dem DFB-Bundestag eben so entschieden. Die Regionalliga ist, glaube ich, die einzige Liga in Europa, in der der Meister nicht aufsteigt. Das ist schon schwer nachzuvollziehen, da tut sich auch der ein oder andere Verbandsfunktionär schwer mit einer Erklärung.

Wie groß ist der finanzielle Unterschied zwischen der Regional- und der Dritten Liga?
Fischer: Vom Etat her ist es zwischen der Dritten und der Regionalliga ein Unterschied von zwei Millionen Euro. Momentan liegen wir bei 2,3 oder 2,4 Millionen Euro. Das ist schon sehr entscheidend, gerade was das Thema TV-Einnahmen anbelangt. Von daher ist der verpasste Aufstieg noch einmal ein harter Schlag, gerade bei der Konkurrenzsituation bei uns im Rhein-Main-Gebiet. Sponsoren haben viele Möglichkeiten, woanders zu investieren. Je länger man in dieser Spielklasse bleibt, umso mehr nutzt sich das Angebot ab.

Wie viele Jahre können sich die Kickers noch ohne Aufstieg in die Dritte Liga erlauben?
Fischer: Man muss sich den finanziellen Gegebenheiten anpassen. Außerdem ist die Konkurrenz schwierig: In Saarbrücken hat man einen potenten Geldgeber, ebenso beim SV Elversberg. Wenn ich die Gehälter in Trier sehe oder die Verpflichtungen von Mannheim mit zwei Spielern aus der Zweiten Liga, merke ich, dass es immer schwieriger wird, aber wir versuchen gemeinsam alle weiterhin Sponsorn für den OFC zu begeistern. Wir sind sehr froh, dass wir einen so großen und treuen Sponsorenkreis haben, der stetig wächst.

Müssen Vereine also finanzielles Risiko eingehen, um die Regionalliga zu verlassen?
Fischer: Die Diskussion wurde hier auch schon in der Dritten Liga geführt. Das ist die Crux, wegen der einige Vereine finanziell ins Schlingern geraten sind. Sie haben sich übernommen, weil sie sich allein vom Selbstverständnis her in einer anderen Liga sahen. Doch: Durch Tradition erwächst nun einmal kein natürlicher Anspruch auf Ligazugehörigkeit.
Schmitt: Auf Dauer kriegt man es nur gestemmt mit wirtschaftlicher Potenz und Kontinuität.

Sie haben es nun mit Kickers Offenbach am eigenen Leib erfahren, wie schwierig der Weg in die Dritte Liga sein kann.
Schmitt: Schauen Sie doch nur einmal auf die Mannschaften: Es gibt jeweils 18 in der Ersten und Zweiten Liga, 20 in der Dritten Liga – und 88 in der Vierten Liga. Das sind meiner Meinung nach definitiv zu viele Mannschaften. Deswegen finde ich: Raus mit den Zweiten Mannschaften! Das Thema ist überholt. Für die Spieler aus den Reservemannschaften ist der Sprung in die Erste Mannschaft oftmals zu groß, allein vom Druck her. Da wäre eine Nachwuchsrunde viel sinnvoller. Ich favorisiere eine eingleisige vierte Liga.

Bisher stellten sich die Vereine aus der Liga Nord und Nordost dagegen, weil die Reisekosten in diesem Fall zu hoch seien.
Schmitt: Das ist nicht nachvollziehbar.
Fischer: Schauen Sie sich die Reisekosten doch genauer an: Das sind 40 bis 50 000 Euro. Gerade im Hinblick auf den Etat der Vereine, ist dies zwar viel Geld aber stemmbar, zumal es die Liga attraktiver und besser vermarktbar machen würde.

DFB-Vize Rainer Koch hat eine Reduzierung auf vier Ligen schon einmal angesprochen.
Fischer: Trotzdem glaube ich, dass es schwer wird für die Attraktivität der Liga, wenn man so viele Mannschaften behalten will. Nur ein Beispiel: Der SV Spielberg musste nun finanziell erhebliche Anstrengungen unternehmen, um in die Regionalliga Südwest zu kommen und die infrakstrukturellen Voraussetzungen nachzuweisen. Angenommen, Spielberg spielt eine überragende Runde und steigt wieder auf. Die Dritte Liga könnte der Verein vom Finanziellen sowie Infrastrukturellen her vermutlich überhaupt nicht stemmen.

Viele Vereine aus der fünften Liga haben bereits aus diesem Grund auf den Aufstieg verzichtet.
Schmitt: Warten Sie es ab, in zehn Jahren kann man Aufstiegsplätze nur noch kaufen wie im amerikanischen Sport. Ich kann die kleinen Vereine verstehen: Du machst den ganzen Aufriss, Parkplätze, VIP-Bereiche usw. und dann steigst du wieder ab.
Fischer: Vielen Vereinen fehlt auch einfach das Zuschauerpotenzial. Wir müssen beispielsweise bei sechs Heimspielen der Saison den Gästeblock nicht öffnen. Eine ein- oder zweigleisige Liga würde die Liga aufwerten: Für uns ist es attraktiver, wenn Essen oder Aachen hier zu Gast sind.

Im ersten Heimspiel der Saison hatte Offenbach selbst ein reduziertes Kontingent aufgrund des Platzsturms im Relegationsspiel.
Fischer: Ich denke, wir haben viel Wohlwollen bei der Sanktionierung der Geschehnisse im Rahmen des Relegationsspiels erfahren. Ohne die Vorfälle zu entschuldigen, provozieren diese Relegationsspiele immer eine enorme Emotionalität. Ob es nun bei uns war, in Karlsruhe oder Düsseldorf vor zwei Jahren. Auch im nächsten Jahr wird es vermutlich Vorfälle geben. Mit diesen Spielen treibt man die Emotionen vieler Anhänger auf die Spitze, das sollte bedacht werden.

In dem Wissen, dass selbst eine grandiose Saison nicht den Aufstieg sichern kann: Wie haben Sie die Spieler eigentlich für die neue Saison motiviert?
Schmitt: Nach den Relegationsspielen haben wir viel mit den Jungs gesprochen. Ich habe immer wieder an Bayern München 2012 erinnert. Da ging es nicht um den Aufstieg oder die Meisterschaft, sondern die Champions League im eigenen Stadion. Eben um einen großen Traum, der platzte. Und trotzdem sind die Spieler nach dieser großen Enttäuschung aufgestanden und haben im folgenden Jahr das Triple geholt. Da sind wir auch gefragt, aufzustehen und zu zeigen: Jetzt erst recht!

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In unserer aktuellen Ausgabe #166 (ab sofort im Handel und im App-Store erhältlich) beschäftigen wir uns in einer ausführlichen Reportage mit der Regionalliga. Dazu trafen wir die Verantwortlichen von Kickers Offenbach zu einem Gespräch über die Spielklasse und die Situation in Offenbach nach den dramatischen Relegationsniederlagen.