Nuri Sahin über Dembélé, Sancho und die Jugend von heute

»Ousame war von einem Tag auf den anderen weg«

Wie wichtig sind Vorbilder für jüngere Spieler?
Schon sehr wichtig. Ich werde Dedé auf ewig dankbar sein, was er in meiner Anfangszeit für mich getan hat. Wie er mir gesagt hat, wann ich mal feiern darf, wann ich den Mund zu halten habe, wo und wie ich mich zu verbessern habe. Heute sind wir quasi Nachbarn, und wann immer ich ihn treffe, falle ich ihm um den Hals.

Was hat Sie noch geprägt?
Zum Beispiel, wie mich ältere Spieler wie Christian Wörns oder Christoph Metzelder geschützt haben. Die haben in der Öffentlichkeit regelrecht die Hand über mich gehalten und nur gut über mich geredet, das war sehr hilfreich. Dann hat es mich sehr beeindruckt, als Jan Koller bei seinem Abschied allen Mannschaftskollegen und dem ganzen Staff einen wertvollen Kugelschreiber geschenkt hat. Eine großartige Geste! Und Tomas Rosicky hat mir für meine Zukunft eine Weisheit mit auf den Weg gegeben, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Was genau?
Das bleibt zwischen Tomas und mir. Lassen Sie es mich so umschreiben: Durch das Gespräch mit ihm habe ich begriffen, dass Profifußball etwas anderes ist als das Spiel aus der Jugend. Das ist ein Geschäft, mit allen Konsequenzen, mit allen guten und schlechten Seiten.

Ein Geschäft, in dem man sich den Wechsel zu einem anderen Klub schon mal durch einen Streik erpresst. Hätten Sie das, was Ousmane Dembélé im vergangenen Sommer veranstaltet hat, in ihrer frühen Profizeit für möglich gehalten?
Hatte es so etwas vorher überhaupt schon mal gegeben? Irgendwo kann ich seine Motivation ja sogar verstehen: Barcelona war schon immer sein Traum, er will einfach nur Fußball spielen, über den Rest macht er sich keine Gedanken. Aber natürlich rechtfertigt das in keiner Weise die Mittel, die er gewählt hat.

Haben Sie ihn mal gefragt, was er sich bei seinem Streik gedacht hat?
Nein. Erstens war die Konversation mit ihm nicht ganz einfach, weil Ousmane nur Französisch spricht. Außerdem konnte ich ihn schlecht fragen, weil er von einem auf den anderen Tag weg war.