Nizzas Trainer Lucien Favre im Interview

»In England kommt der Fußball zu kurz«

Lucien Favre über seine Saison in Nizza, Europas Fußball und Dortmunds Champions-League-Gegner Monaco.

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Bonjour, Monsieur Favre, wie geht es Mario Balotelli?
Ich denke doch, dass es ihm gut geht, am Freitag hat er bei unserem 2:1-Sieg in Lille beide Tore geschossen. Mario ist ein netter Kerl, ich komme gut mit ihm zurecht.

Balotelli hat in den vergangenen Jahren vor allem mit seinen Eskapaden von sich reden gemacht und galt als nicht mehr vermittelbar. Bei Ihnen in Nizza hat er in 19 Spielen 13 Tore geschossen. Die französische Presse feiert Sie als den ersten Trainer, der es geschafft hat, Balotelli zu zähmen. Koryphäen wie José Mourinho, Roberto Mancini oder Jürgen Klopp sind daran gescheitert. Sie müssen unterscheiden zwischen dem Mensch Balotelli und dem Stürmer Balotelli. 
Als Mensch verhält er sich vorbildlich, aber was ihn als Stürmer betrifft, urteile ich wahrscheinlich nicht viel anders als die Kollegen, die Sie eben aufgezählt haben. Natürlich helfen uns seine Tore weiter, und in den vergangenen Spielen hat Mario sehr gut gespielt. Aber es gab hier in Nizza auch andere Phasen. Mario weiß selbst am besten, wo seine Defizite liegen. Er läuft zu wenig und nicht immer richtig. Mario muss mehr arbeiten, wenn er sich auf Dauer den Respekt seiner Kollegen verdienen will. Nur Tore schießen – das reicht im modernen Fußball nicht.

Dank Balotellis Toren spielen Sie mit Monaco und Paris Saint-Germain immer noch um die Meisterschaft und haben eine realistische Chance, die Qualifikation für die Champions League zu schaffen.
Ja, und das ist ein Wunder! Alle Mannschaften um uns herum investieren gewaltig. Marseille hat im Winter Dimitri Payet geholt und Lyon Memphis Depay, das sind zwei Weltklassespieler! Lille konnte zur Rückrunde gleich sechs neue Spieler für insgesamt 20 Millionen Euro holen. Und wir? Waren Herbstmeister und haben keinen einzigen neuen Spieler dazu bekommen. Wir haben neben Balotelli und unserem Abwehrchef Dante einen Haufen junger Leute und gerade zwei Nationalspieler: Younès Belhanda aus Marokko und Jean Michael Seri von der Elfenbeinküste. Trotzdem spielen wir weiter vor Marseille, Lyon und Lille ganz oben mit. Deswegen wäre die Qualifikation für die Champions League ein Wunder, und ich tue alles dafür, damit es wahr wird! Es gibt nichts Größeres als die Champions League, auch nicht die Weltmeisterschaft.

Was sagt uns die Champions League über den europäischen Fußball?
Sehr viel! Es ist ja kein Zufall, dass Spanien im Viertelfinale mal wieder mit drei Vereinen dabei ist. Die Primera Division ist zwar nicht besonders spannend, weil sich im Normalfall Barça oder Real beim Gewinn der Meisterschaft abwechseln. Aber sie ist und bleibt die beste Liga der Welt. Spanische Klubs gewinnen seit drei Jahren sämtliche europäische Wettbewerbe, und wissen Sie, warum? Das liegt nicht an der Nachwuchsarbeit, die ist jenseits von Barcelona und Madrid gar nicht so großartig. Aber die Spanier machen verdammt gute Transfers! Sie achten nicht nur auf Technik und Athletik, sondern auch auf Spielverständnis und taktische Intelligenz. Das konnte man sehr gut im letzten Europa-League-Finale sehen …