Nils Petersen über Heimat und Abstiegskampf

»Unter Streich habe ich neue Dinge gelernt«

Wann haben Sie den Entschluss gefasst, trotz Abstieg bei Freiburg zu bleiben?
Ich habe Freiburg erst einmal verlassen, weil ich das Gefühl hatte, nach dem Abstieg den Kopf wieder freibekommen zu müssen. An einen Verbleib dachte ich erst gar nicht, weil ich glaubte, der Verein würde einen solchen Transfer in der Zweiten Liga eh nicht stemmen. Also stellte ich mich wieder auf Bremen ein, wo ich ja noch Vertrag hatte. Aber nach einer Weile fehlte mir die persönliche Rückmeldung, also beschäftigte ich mich wieder mit einem Wechsel.
 
Und kamen automatisch auf Freiburg?
Es blieb mir gar nichts anderes übrig. Ich bekam den ganzen Sommer über SMS und Anrufe aus Freiburg, bestimmt an die dreißig Nachrichten von knapp einem dutzend Mitspielern und Mitarbeitern aus Freiburg, die mir alle sagten, wie sehr sie sich freuen würden, wenn ich wieder zurück käme. Und nicht, weil ich neun Tore geschossen hatte, sondern weil es menschlich so gut gepasst hat. Das hat mir sehr imponiert. Dann rief auch der Trainer an, und irgendwann sagte ich mir: »Mensch, warum machst du nicht das, worauf du Bock hast. Hör auf dein Herz und nicht auf deinen Verstand.« Also kam ich zurück.
 
Hätten Sie den Schritt auch gemacht, wenn nicht Christian Streich Trainer in Freiburg wäre?
Der Trainer hat schon eine große Rolle gespielt. Man sollte im Fußball zwar immer auf personelle Wechsel gefasst sein, aber hier in Freiburg wird dir im Misserfolg auch nicht direkt das Messer an den Hals gehalten, daher kann man davon ausgehen, dass Christian Streich noch ein wenig der Trainer bleibt. Das war mir sehr wichtig.
 
Streich gilt als ein »Typ« des deutschen Fußballs. Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit ihm vorstellen?
Er ist sehr emotional, das sieht man ja auch während des Spiels an der Seitenlinie. Vor allem ist er aber taktisch unglaublich gebildet und kann einem Spieler sehr viel mitgeben. Ich bin 26 Jahre alt und hatte bestimmt schon zehn, fünfzehn Trainer, aber unter Christian Streich habe ich Dinge gelernt, die mich noch mal weitergebracht haben.
 
Welche denn?
Wir arbeiten viel an meinen Schwächen, etwa der Abwehrarbeit. Wir gucken gemeinsam Videos, die mir zeigen, wie ich mich in der Rückwärtsbewegung verhalte. Da sehe ich dann genau, wo ich gerade rumstehe und was ich mache, selbst wenn jemand den Ball gerade auf die Autobahn gehauen hat. In solchen Situationen habe ich eigentlich immer abgeschaltet. Jetzt bleibe ich dran. Es soll nicht nur unangenehm sein, gegen mich zu verteidigen. Es soll auch unangenehm sein, überhaupt erst an mir vorbeizukommen.
 
Sie hören auf ihr Herz, brauchen ein Gefühl von Heimat – sind Sie vielleicht ein wenig zu nett für einen Torjäger?
Ich stehe einfach nicht so gern im Mittelpunkt, der Erfolg der Mannschaft ist mir wichtiger. Beim 2:0 gegen den FSV Frankfurt habe ich einen Elfmeter verschossen, da habe ich mich fast ein wenig drüber gefreut, weil dadurch die Torschützen Maximilian Philipp und Amir Abrashi im Mittelpunkt standen und nicht ich. (Lacht.)
 
Aber Sie sind der Topscorer. Warum so demütig?
Das ist mir anerzogen worden. Von meinen Eltern, in der Sportschule, auch von meinen Mitspielern, als ich als Siebzehnjähriger zu den Profis kam. In Jena habe ich mit alten Haudegen wie Thorsten Ziegner oder Sven Günther trainiert. Die haben mir abends ihre dreckigen Schuhe auf den Platz gestellt, um zu gucken, wie ich reagiere. Ob ich sie putze oder nicht. Wenn wir im Training Vier gegen Vier gespielt haben und ich mit Ziegner, Günther und Christian Fröhlich im Team war, hatte ich richtig Schiss, Fehler zu machen. Aber dadurch habe ich natürlich super trainiert. Im Osten waren solche Hackordnungen noch viel ausgeprägter, das hat für Demut bei den jungen Spielern gesorgt. Ich treffe oft auf andere ostdeutsche Spieler, Clemens Fritz oder Felix Kroos zum Beispiel, die ähnlich ticken.