Nico Patschinski im großen Karriereinterview

»Männer, wir zermürben den Gegner heute durch ständiges Toreschießen«

Wie bitte?
Als mir mein Berater das Angebot vorlegte, sagte ich: »Ja, super, da habe ich schon mal mit Fürth gespielt. Das Stadion war schön. Und da gibt’s ja auch die Reeperbahn. Aber wo liegt dieses St. Pauli eigentlich?« Dummer Ossi halt. (Lacht.)

Wie kamen Sie mit Trainer Dietmar Demuth zurecht?
Super. Ein Kneipenkind wie ich – trockener Humor, gute Sprüche. Die Ansprache in der Kabine vor dem Bayern-Spiel ist legendär: »Männer, wir zermürben den Gegner heute durch ständiges Toreschießen.«

In der Saison wären Sie beinahe Nationalspieler geworden. Wie kam das?
Ich spielte recht gut (Acht Tore und fünf Vorlagen 
in 28 Spielen, d. Red.), und weil Carsten Jancker außer Form 
war, machte die »Sport Bild« eine Umfrage: Welcher Stürmer soll mit zur WM 2002? Da tauchte dann auch mein Name auf.

Hat sich Rudi Völler gemeldet?
Nein, aber Michael Skibbe. 
Allerdings dachte ich zunächst, dass das ein Scherzanruf ist. Ich habe mich bei Kumpels ja auch gerne mal mit »Beckenbauer« 
gemeldet. Aber er war es wirklich. Sagte, er wollte mich einfach mal informieren, dass ich eine Option bin, falls sich jemand verletzt. Letztendlich fuhr Jancker aber mit zur WM.

Ihre nächste WM-Chance bekamen Sie 2006.
Eines Tages sprach mich ein Redakteur des Magazins »Rund« an, für das ich damals eine Kolumne schrieb. »Nico, ein Mann vom polnischen Verband hat angerufen und möchte wissen, ob du polnische 
Wurzeln hast.« Wir fanden heraus, dass meine Oma aus Rastenburg stammt. Es hat eine Woche gedauert, bis ich alle nötigen Unterlagen für den Verband zusammenhatte.

Warum haben wir Sie dann nicht im Westfalenstadion gegen Deutschland gesehen?
Pawel Janas, damals Trainer der Polen, rief kurze Zeit später an: »Danke, dass Sie sich so bemüht haben. Wir haben nun schon unseren Kader beisammen, aber nach der WM würde ich mich gerne wieder melden.« Da sagte ich: Ach, lass gut sein. Immerhin habe ich jetzt zwei Staatsbürgerschaften.

Sie waren nicht enttäuscht?
Es gab schlimmere Momente in meiner Profizeit. Auf dem Sterbebett werde ich einer anderen Sache nachtrauern: dass ich in der Saison 2004/05 kein weiteres Tor für Eintracht Trier gemacht habe. Wir sind damals aus der zweiten Liga abgestiegen, weil uns ein verdammtes Tor gefehlt hat.

Was war so besonders in Trier?
Zum Ersten ist die Gegend wunderschön: die Weinberge, das gute Klima, die Architektur, Frankreich ganz nah. Mit Trainer Paul Linz hat es gleich gefunkt. Bei seinem ersten Anruf verstand ich zwar kein Wort, denn sein pfälzischer Dialekt war echt hart, aber er hörte sich nett an. Also sagte ich: »Ja, ich unterschreibe.« Bereut habe ich es nie. Wenn ich morgen im Lotto gewinne, kaufe ich mir ein Haus in Trier.

Trier ist nicht gerade als Fußballstadt bekannt.
Aber damals wurdest du als Fußballer auf Händen durch die Stadt getragen, alle waren superfreundlich, ständig wurde ich eingeladen. Und einige Zeit machte ich dieses Fußballstar-Ding mit: Ich trug blondgefärbte Haare und legte mir einen heißen Amischlitten zu. Die Leute drehten sich um, wenn ich durch die Straßen fuhr. Ganz ehrlich: Heute brauche ich das gar nicht. Ich sitze lieber in einer Eckkneipe als in einem Szenecafé in der Schanze. Aber mit Mitte 20 war das schon aufregend.