Neven Subotic im Interview

»Es gibt keine Diskussion mehr, sondern nur noch Brüllerei«

Sie entschieden sich dafür, mit Ihrer Stiftung in Afrika zu helfen. Warum?

Natürlich gibt es auch hier Menschen mit Problemen. Doch ich finde es schwierig, wenn ich mich nur für Kinder im Umkreis von 50 Kilometern einsetze. Im Endeffekt würde das Engagement nur in den reichen Ländern bleiben. Wir als Europäer haben 500 Jahre lang Afrika ausgeschöpft, warum sollten wir es dann in diesem Punkt weiter vernachlässigen? Unserer Stiftung geht es aber nicht um Kontinente oder Länder, wir wollen in die ärmsten Regionen der Welt.

Wie wählen Sie diese Orte aus?

Es gibt von der Unicef und der Weltbank Daten darüber, in welchen Ländern den Menschen durchschnittlich weniger als 1,25 Dollar pro Tag bleibt. Das ist ja das Schlimme: Wir wissen alle seit Jahrzehnten, dass es diese Probleme gibt, dass die Menschen nicht genug zum Überleben haben. 660 Millionen Menschen fehlt der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Bevölkerung in der westlichen Welt macht sich aber nur Gedanken darüber, was gerade in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert.

Woran machen Sie das fest?

Ich höre sehr oft, dass es nie so eine friedliche Zeit wie im Augenblick gegeben habe. Das wird gemessen an den kriegsbedingten Toten pro Jahr. Man darf aber nicht vergessen: Tagtäglich sterben 2000 Kinder an vermeidbaren Krankheiten – das ist wie ein weltweiter Krieg. Und die Gründe dafür sind klar: Wenn es in einer Region kein sauberes Trinkwasser gibt und keine vernünftigen Sanitäranlagen, dann können sich gefährliche Bakterien viel schneller ausbreiten. Kinder und Säuglinge sind besonders gefährdet, weil ihr Immunsystem noch nicht so ausgeprägt ist. Das ist alles bekannt, trotzdem werden die Missstände oft ignoriert, weil es hierzulande erst mal niemanden direkt betrifft. Es gibt so viele Kriege, über die nicht berichtet wird. Ich lese momentan kaum noch Zeitungen.

Ihre Kritik klingt relativ pauschal. Was missfällt Ihnen konkret?

Der Nachrichteninhalt interessiert nicht mehr, sondern nur noch Emotionen, nur noch der Schock. Durch die Algorithmen der sozialen Medien wird nur noch das Extreme gepusht, siehe den Datenskandal bei Cambridge Analytica. So beharrt jeder auf seinem Standpunkt, es gibt keine Diskussion mehr, sondern nur noch Brüllerei. Mitunter ist die Sprache in den Medien schon gefährlich gefärbt. Heute ist die Rede von „Cluster bombs“ und „Kollateralschaden“, aus einem „Bürgerkrieg“ wird ein „Proxy-Krieg“ – welch zynische Begriffe! Und: Das große Problem unserer Zeit wird fast nie thematisiert, die globale Ungleichheit. Ich denke, dass sie so lange weiterbesteht, wie der Kapitalismus vorherrscht.

Auch im Sozialismus leiden die Leute unter Armut, zum Beispiel auf Kuba.

Das muss man in einem Kontext sehen, Kuba wurde links und rechts total abgeschottet durch das Wirtschaftsembargo. Trotzdem ist die Lebenserwartung in Kuba ein Jahr höher als in den USA. Richtig freien Sozialismus kann es ja gar nicht geben – und ich sehe auch die Schwächen des Systems. Aber im Osten zur Zeit des Kalten Krieges hatte immerhin jeder Mensch noch genug, um nicht betteln gehen zu müssen. In Dortmund hingegen sind heute sehr viele Leute von Altersarmut betroffen, die ein Leben lang gearbeitet haben. Es muss darum gehen, ein zeitgemäßes System zu entwickeln.

Was würde das bedeuten?

Wenn jeder so viel zahlt, wie er kann, dann dient das letztlich allen. Die Gerechtigkeit wird gestärkt, so etwas schafft erst Vertrauen.

Übersetzt hieße das, Sie fordern eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes?

Der Spitzensteuersatz ist ein Punkt, aber auch die Kapitalertragssteuer, die Finanztransaktionssteuer oder die Erbschaftssteuer – kurzum all die Bereiche, von denen nur Reiche profitieren. Die skandinavischen Länder verlangen mehr Steuern, als hier in Deutschland überhaupt vorstellbar erscheint. Aber Studien zeigen im Gegenzug, dass die Menschen in diesen Ländern viel mehr Vertrauen zueinander haben. Doch das ist nicht mal der wichtigste Punkt.

Sondern?

Die Bildung. Kinder von reichen Eltern haben viel mehr Aufstiegsmöglichkeiten und das nicht, weil sie klüger sind als die anderen. Bei sozial schwächeren Familien wird den Kindern der Weg verbaut. In Deutschland manifestiert sich so eine Dreiklassengesellschaft. Leider hat eine Partei wie die AfD dies für sich genutzt, weil die bestehenden Parteien den Leuten keine Perspektive für einen Wandel bieten. Die SPD zum Beispiel als klassische Arbeiterpartei hat sich schon lange von ihren Kernwerten entfernt.

Lassen Sie uns noch einmal zurück zu Ihrer Stiftung kommen. Sie bauen Brunnen im Norden Äthiopiens und reisen auch ein Mal pro Jahr dort hin. Wie genau helfen Sie dort?

Unsere Aufgaben vor Ort sind zweiteilig: Zum einen geht es darum zu prüfen, wie weit die Arbeiten sind. Wir haben schließlich eine Verantwortung gegenüber unseren Spendern. Wir nutzen die aktuellsten Technologien. In den Gemeinden selbst kann es sehr lange dauern, bis ein Problem übermittelt wird. Die Menschen dort können nicht einfach ins Internet gehen oder zum Telefon greifen. Wir haben deswegen SIM-Karten in den Pumpen der Brunnen angebracht, die uns die Raten des gepumpten Wassers mitteilen. Wir sehen also direkt, wenn ein Problem auftritt. Das Wasser hatte früher die Farbe von Apfelsaft, weil es so verunreinigt war. Nun ist es sauber.

Und der zweite Teil?

Dabei geht es um den menschlichen Aspekt, also vor Ort zu sein und die Gemeinde kennenzulernen. Die Entwicklungsarbeit lief früher anders. Da wurde etwas hingesetzt und die Leute vor Ort wussten meist nichts damit anzufangen. Wir wollen die Gemeinde darauf vorbereiten, irgendwann selbst das Projekt tragen zu können. Ein Beispiel ist: Es gibt dort das „Wash Training“, also eine Hygiene-Übung, die Kindern zeigt, wie sie sich vernünftig waschen. Sie geben das an andere Kinder weiter. Manchmal ist Kindersprache auch besser als jene der Erwachsenen.

Es geht also nicht nur um den Bau von Brunnen?

Im Mittelpunkt stehen die Möglichkeiten für die Kinder. Wenn ein Kind nicht mehr sechs Kilometer laufen muss, um sauberes Wasser zu bekommen, sondern es vor Ort findet, dann kann es in dieser Zeit in die Schule gehen. In einem Ort, in dem wir geholfen haben, kamen innerhalb eines Jahres 40 Prozent mehr Kinder zum Unterricht. Die kleinen Kinder träumen davon, Ärzte oder Lehrer zu werden. Auch wenn sie selbst nicht viel haben, ist ihr Antrieb, anderen zu helfen.

Reden Sie eigentlich mit Ihren Mitspielern über Ihre Projekte oder Politik?

Zum Teil, aber das sind nicht unbedingt Themen für die Kabine. Wir haben meistens auch nicht so viel Zeit. Es geht eher ums Training oder die Spiele. Aber natürlich erzähle ich etwas von der Stiftung, so mancher fragt auch mal nach. Für eine tiefere Auseinandersetzung muss man sich jedoch mehr Zeit nehmen.

Sind Sie mit Mitspielern befreundet?

Ich würde es auf eine parallele Ebene stellen. Mit Roman (Weidenfeller, d. Red), Schmelle (Marcel Schmelzer), Nuri (Sahin) und Piszschu (Lukasz Piszczek) verbindet mich viel, allein durch unsere gemeinsamen Erlebnisse. Ich kann ihnen vertrauen, wenn es brenzlig wird. Das sind eher meine Brüder.

Einerseits sehen Sie, dass Menschen in Afrika kein sauberes Trinkwasser haben. Andererseits bewegen Sie sich in der Fußballbranche unter Millionären. Wie schaffen Sie den Spagat?

Ich bin selten in diesem Highlife unterwegs, ich nehme vom Fußballerleben nur das Sportliche mit. Ich bin Fußballliebhaber, mir geht es um das Spiel, nicht um das Drumherum. Gemeinsam spielen und gewinnen, dann mit den Fans feiern – das will ich.